Daß das Essen nicht einfach nur der Regeneration des Körpers dient, ist eine alte Weisheit. Man könnte einen Schritt weiter gehen, um dem Essen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Den Menschen unterscheiden die Philosophen vom Tier, indem sie auf seine Vernunft oder auf seine Moral hinweisen. Wie wäre es, wenn man zum Unterscheidungsmerkmal einmal die Tatsache machte, daß der Mensch das einzige Wesen ist, das sich sein Essen zubereitet? Zwar weiß auch das Vieh, was ihm besser schmeckt. Der Mensch aber weiß, wie man es macht, daß es besser schmeckt. Er kocht und erhebt sich dadurch über alle anderen Lebewesen: er ist Kulturmensch, indem er kocht. Oder kann sich jemand eine Kultur ohne Köche und Köchinnen vorstellen?

Diese Bedeutung erschöpft sich aber nicht darin, daß man gut ißt, also dem Gaumen schmeichelt. Auf einer viel höheren Ebene liegen die geheimnisvollen Zusammenhänge, welche zwischen dem Essen und der Stimmung der Menschen bestehen. Sie sind theoretisch völlig unerforscht, aber den Praktikern aus der Erfahrung bekannt. Es handelt sich um das höchst sonderbare, aber unbestreitbare Phänomen, daß in einer Gesellschaft von Menschen, die gemeinsam und unter Einhaltung von gewissen von der Kultur entwickelten Zeremonien ein Mahl einnehmen, eine bestimmte Harmonie der Stimmung entsteht, die ihnen sodann eine angenehme Konversation ermöglicht. Natürlich ist diese Harmonie nicht so zwingend, daß ausgesprochene Feinde sich nun gleich in den Armen liegen müßten. Doch wird es immer gelingen, durch ein gutes gemeinsames Essen Leute einander näherzubringen, die sich sonst gleichgültig oder auch langweilig sind. Daraus ergibt sich schon, daß nichts verkehrter ist, als den Gästen zu gestatten, verschiedene Speisen zu essen oder im Restaurant etwa zuzusehen, wie jeder Gast sich selbst etwas auswählt. Die Sorge für die Speisenfolge hat der Gastgeber zu übernehmen. Ebenso die Sorge für die Getränke, die noch viel machtvoller Harmonie herzustellen vermögen. Daher ist niemand berechtigt, Rotwein zu verlangen, wenn Weißwein getrunken wird, oder aus irgendwelchen dubiosen Prinzipien den Genuß alkoholischer Getränke abzulehnen. Vielmehr ist, wer nicht trinken kann oder will, verpflichtet, den Gelagen fernzubleiben, die er sonst als ein Fremdkörper, der an der allgemeinen Harmonie nicht teilhat, empfindlich stört,

Störend muß, das geht aus unserer Theorie ganz klar hervor, auch derjenige wirken, der unmäßig ißt oder sich betrinkt. Selbstverständlich manövriert sich einer, der dreimal soviel ißt wie die andern, dadurch in eine ganz andere Stimmung als seine Gefährten, die er auch schon dadurch ärgert, daß er ewig nicht fertig wird. Und vergröbert noch tritt dieselbe unerwünschte Wirkung ein, wenn einer über den Durst trinkt, weshalb in solchen Fällen nach anfänglicher harmonischer Verbrüderung zuletzt oft ein Tumult ausbricht.

Aber nicht nur entsteht durch gemeinsames Essen und Trinken eine gemeinsame Stimmung. Sondern umgekehrt verlangt eine gemeinsame Stimmung, sie mag nun fröhlich oder traurig sein, jederzeit nach gemeinsamem Essen und Trinken. Deshalb ist es seit jeher üblich, daß die Teilnehmer einer Beerdigung sich hinterher zum Trauermahle zusammensetzen (das gar nicht immer so traurig zu sein braucht), und man auch bei anderen einschneidenden Ereignissen, die so fröhlich wie eine Hochzeit oder eine Taufe sein mögen, dasselbe tut. Es geht daraus hervor, daß die Menschen, wenn sie aufgeregt sind, nach Essen und Trinken rufen, und daß sie, wenn sie essen und trinken, aufgeregt werden. So kann sich eine unangenehme Art der Aufregung innerhalb von ein paar Stunden in eine angenehme wandeln –: nämlich durch Steuerung von Koch und Kellermeister. M. Fredericia