Aufgefordert, ein Bild zu senden, hat Schmidt-Rottluffeines gesandt, doch hat die Jury der "Großen Frühjahrs-Ausstellung" zu Hannover es zurückgewiesen. So ist es, wie man hört, auch einem bekannten Münchner Künstler ergingen, und wer weiß, wem noch! – Im Besitz dieses Geheimnisses war man denn recht begierig in sehen; welche Werke welcher Künstler Gnade vor den Augen der Jury gefunden, und dann mußte man leider in vielen Fällen sagen: es war Gnade vor Recht...

Die "Frühjahrs-Ausstellung" des Kunstvereins Hannover, diesmal zu Gast im Kestner-Museum, hat eine große Tradition. Anders als zur Herbst-Ausstellung, die mehr lokalen Charakter besaß, wurden hierzu vor allem die deutschen Maler und Bildhauer aus dem ganzen Reich eingeladen. So erhielt man dort einen Überblick über das gesamte Schaffen und erlebte hundertfältige Anregung. Heute sind nun zwanzig der für würdig gefundenen achtzig modernen Maler hannoversche Landsleute, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn tatsächlich ein Viertel der guten deutschen Maler aus Hannover wäre! freilich, die Ausstellung hat manchen Höhepunkt: die Bildhauer sind glanzvoll vertreten, auch durch den heute in Hannover wirkenden Kurt Lehmann (leider fehlen Marcks und Scharff); man sieht manches große Werk moderner Malerei (so Beckmanns "Odysseus und die Sirenen") und manches originelle und reizvolle Bild, auch des Hannoveraners Karl Pohle. Aber man sieht auch viel Nachempfundenes, Nur-Ästhetisches, Nur-Geschmäcklerisches. (Ach, wenn doch alle "Abstrakten" gefälligst selber abstrahieren wollten, originaliter, und nicht so oft bloß brav nach anderen Abstraktionen! Die zwar gut aussehende, doch gedankenblasse Nachahmung, sie ist bei so vielen Abstrakten just das Vertrackte!)

Übrigens wird Hannover mit vollem Recht allenthalben stets gelobt, wo und wann von Förderung moderner Kunst die Rede ist. In Hannover ist’s, wo die Wiederherstellung des zerstörten Opernhauses geradezu. volkstümliche Begeisterung erweckt; in Hannover ist’s, wo gerade in diesen Tagen (Kestner-Gesellschaft) die bisher eindrucksvollste Nay-Ausstellung zustande kam, in Hannover ist’s, wo es noch viele und echte Freunde der Kammermusik, sogar der modernen gibt. In Hannover herrscht die Initiative kluger einzelner, herrscht noch echtes Mäzenatentum, und was noch mehr erzählt: es gibt in dieser Stadt noch weite Kreise kunstbewußter Menschen. Es gibt noch oder wieder Kulturgemeinschaft in Hannover. Aber eben deshalb wird man sagen dürfen, wie seltsam es der Jury des Hannoverschen Kunstvereins ansteht, Künstler wie Schmidt-Rottluff erst einzuladen und dann zurückzuweisen. Stets ist eine Jury nur dann kompetent, wenn sie auch ein wenig über Bescheidenheit verfügt gegenüber verdienstvollen Künstlern. Mag zum Beispiel Schmidt-Rottluffs eingesandtes Bild auch vielleicht nicht sein bestes gewesen sein, zum Vergleich mit der lokalen Durchschnittsmalerei dürfte es immerhin gelangt haben. Oder etwa nicht? Josef Marein