Drei Außenminister werden sich in London treffen, von denen der eine – Schuman – einer parlamentarischen Regierung angehört, die keine Mehrheit im Parlament hat, und der nächste – Bevin – eine Regierung vertritt, die nahezu handlungsunfähig ist, weil ihre Mehrheit im Parlament nur sechs Stimmen beträgt. Der dritte endlich – Acheson – wäre vor einigen Wochen beinahe das Opfer eines Verleumdungsfeldzuges geworden, so daß seine Autorität im eigenen Lande auch heute noch durchaus umstritten ist. Alle drei sind kluge und bewährte Staatsmänner, und dennoch hat offensichtlich keiner von ihnen einen starken Rückhalt in der öffentlichen Meinung seines Landes. Woher kommt dies? Sollte es vielleicht so sein, daß der viel berufene Mann auf der Straße die Politik dieser drei Außenminister nicht versteht, weil er keinen überzeugenden Leitgedanken in ihr finden kann?

Die Vorgeschichte der Konferenz begann damit, daß Bevin Ende März, nachdem er sich mit Schuman besprochen hatte, dem amerikanischen Staatssekretär Acheson ein Zusammentreffen vorschlug, bei dem sechs Punkte diskutiert werden sollten: die Beziehung der drei Westmächte zur Sowjetunion, die Deutschlandfrage, der österreichische Staatsvertrag, der japanische Friedensvertrag, die militärische, politische und wirtschaftliche Verteidigung Südostasiens und endlich wirtschaftliche und militärische Probleme im Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Auf den ersten Blick fällt bei diesem Programm auf, daß Punkt eins, die Beziehung der drei Westmächte zur Sowjetunion, eigentlich alle fünf anderen bereits umfassen und in sich einschließen müßte. Dennoch führt die englische Note alle Punkte gleichwertig nebeneinander auf. Man wird hierin ein besonderes Kennzeichen der englischen Politik wiederfinden. Sie ist auch heute nicht bereit, eine Generallinie aufzustellen. Man wünscht in London, jedes Problem isoliert zu betrachten, um die Freiheit zu behalten, hier ein wenig zu handeln, dort ein wenig zu flicken, was auf englisch heißt: to muddle through.

Acheson zeigte sich denn auch mit diesem Programm in keiner Weise zufrieden. Den Amerikanern geht es im Gegensatz zu den Engländern gerade darum, eine politische Generallinie zu finden. Für sie ist jener erste Punkt, den Bevin nur als einen von vielen erwähnte – die Beziehung der Westmächte zur Sowjetunion –, derjenige, von dem aus alle Politik gesehen und durchgeführt werden soll. Sie wollen die bisherige Truman-Politik des „Bis hierher und nicht weiter“ aktivieren. Sie wollen, so hat es Acheson formuliert, der russischen Politik in Europa und Asien aktiv entgegenarbeiten und den Russen das Gesetz des Handelns entreißen. Nacheinander haben Acheson und Präsident, Truman hierzu die totale Diplomatie und die totale Propaganda erfunden. Doch sollte man, wenn man sich das Wort total aneignet, nicht glauben, man habe sehen damit Jupiter den Donner entwendet.

Soviel Aktivität hat nun auch die Franzosen nicht ruhen lassen, und Ministerpräsident Bidault hat sich bemüht, gleichfalls einen großen Plan zu entwickeln. Er hat vorgeschlagen, einen Atlantikrat des Friedens einzusetzen, der aus Vertretern der Atlantikpaktmächte bestehen und den bisher rein militärischen Pakt auch auf wirtschaftliches und politisches Gebiet ausdehnen soll. Damit hofft er, die USA näher an Europa zu binden und gleichzeitig die Deutsche Bundesrepublik, die ja dem Atlantikpakt nicht angehört, stärker zu isolieren, als dies im Straßburger Europarat, der durch die neue Organisation ziemlich überflüssig werden wird, möglich sein könnte. Bidaults Außenminister Schuman hat versucht, diesem reichlich engherzigen Plan eine weltpolitische Weite zu geben. Er hat einen noch recht nebelhaften Vorschlag gemacht, aus dem Atlantikrat des Friedens so etwas zu gestalten wie einen Sicherheitsrat des Westens unter Ausschluß aller sowjetrussisch beherrschten Länder, ohne jedoch wirklich konkrete Angaben über seinen offenbar noch nicht reifen Plan zu machen.

In der französischen Öffentlichkeit hat dieses Projekt eine recht kühle Aufnahme gefunden – nicht so im Foreign Office. Hier sieht man eine Möglichkeit an Hand einer Diskussion über den Atlantikrat alle jene finanziellen Fragen wieder auf die Tagesordnung zu bringen, die auf der Konferenz zu diskutieren Acheson sich ausdrücklich geweigert hatte: eine stärkere Beteiligung der USA an den Rüstungskosten der europäischen Länder, Englands Dollarsorgen und die britischen Kriegsschulden in Ägypten, Indien und Pakistan. „Der wahre Sieger in einem dieser weltweiten Kriege ist nicht das Land, du einen gemeinsamen Feind schlägt, sondern dasjenige, das siegreich ist gegen seine Verbündeten.“ Diesen Satz aus Le Monde hat bei Besprechung dieses Themas die Londoner Times mit Bitterkeit zitiert.

Doch auch das amerikanische State Department Ist nicht abgeneigt, den französischen Plan zu erörtern – allerdings aus ganz anderen Gründen. Hier sieht man in ihm eine Chance, Deutschland durch eine Hintertür doch in den Atlantikpakt hineinzubringen, zunächst wohl nicht auf militärischem Gebiet, sondern mit Hilfe des neu zu schaffenden politischen und wirtschaftlichen Vertragsinstruments. Damit wäre aber bereits eine Möglichkeit vorhanden, das deutsche Industriepotential für die europäische Aufrüstung zu benutzen, was ihr, so meint man, sehr gut bekommen würde.

So nebelhaft nun das Projekt eines Atlantikrats des Friedens auch heute noch sein mag und so verschieden die Pläne aussehen, die die drei Außenminister mit ihm verfolgen, so ist doch eines deutlich und bemerkenswert: die Schnelligkeit, mit der man den Plan hat fallen lassen, Europa als eine dritte Kraft zwischen der Sowjetunion und den USA aufzubauen. Jahre hindurch hat man diese Politik als die einzig richtige gepriesen. Jetzt ist sie geplatzt wie eine Seifenblase, Wundert man sich immer noch, daß der Mann auf der Straße die Politik der drei Außenminister nicht versteht, die sich entweder nicht einigen können oder, wenn sie sich einigen, ihre Pläne nach kurzer Zeit in das Gegenteil verwandeln? Und abermals müssen wir fragen: Woher kommt dies? Zweifellos daher, daß die Welt von Furcht beherrscht wird, und daß deshalb auch die Außenpolitik der Westmächte von Furcht bestimmt ist.