Männer, die eine Fachwissenschaft, insbesondere eine Naturwissenschaft beherrschen und gleichzeitig Geist haben und gut schreiben können, sind selten. Zu ihnen gehört Richard Gerlach, dessen Skizzen über die verschiedensten Tiere so kundig und zugleich so fesselnd und klug geschrieben sind, daß sie sich als Feuilletons in den besten Zeitungen sehen lassen konnten. Er wurde zuerst als Ornithologie bekannt durch ein Buch „Die Gefiederten“; wie die Vogelkunde wohl überhaupt der populärste und lieblichste Zweig der Naturkunde ist. Danach folgten die „Vierfüßler“, ein nicht weniger eingeweihtes und gehaltvolles Buch über allerlei Säugetiere.

Der dritte Band seines „Tierlebens“, zugleich der umfangreichste und stilistisch am besten ausgereifte ist nunmehr den Fischen gewidmet („Die Fische Claassen Verlag, Hamburg, 470 S., geb. 14,80 DM). Ein köstliches Buch, dessen Lektüre auch für denjenigen, der sonst nichts von unseren Wasserbewohnern versteht, einem Besuch durch ein wundervoll durchleuchtetes großes Aquarium gleichkommt. Richard Gerlach ist auch in der Ichthyologie auf eine souveräne Weise zu Hause, nicht weil er sich nun ein Leben lang mit Fischen und Angeln beschäftigt hätte, sondern weil er zu begreifen, den Stoff zu übersehen, zu gliedern versteht und den großen Sinn für das Wesentliche und Interessante hat. Die Fische, die von Wichtigkeit sind oder irgendeine allgemein fesselnde Schauseite haben, wurden in sein Aquarium aufgenommen. Über diese orientiert er jedoch gründlich und umfassend, nicht nur mit bedeutenden praktischen Kenntnissen ihrer Lebensweise und der Arten ihres Fanges, sondert auch mit Literaturkenntnissen, die bis ins klassische Altertum zurückreichen und auch das nicht beiseite lassen, was Dichter oder Philosophen über diesen oder jenen seltsamen Flossenträger geurteilt haben.

Nichts Abenteuerlicheres als die Welt, die sich unter der Welle birgt! Sei es das Rätsel und Wunder der Wanderungen des Aals oder der Lachse, seien es die dämonischen Schauer, die die Haifische und großen Rochen, den Schwertfisch und sogar schon den kleinen Werwolf unseres heimischen Süßwassers, den Hecht, umgeben. Renken und Barben, Karpfen und Schleie, die großen und kleineren Meeresfische vom Kabeljau bis zum Thunfisch, von den Scholien bis zu den Heringen und Sardinen, aber auch die Pracht- und Zierfische, die nicht von uns verspeist, sondem nur hinter dem Glas bewundert werden wollen] und schon Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft das Rätsel aufgaben, für wen sie eigentlich so schön sind, werden in etlichen Dutzend Kapiteln, die jeweils einen kleinen gerundeten Essay darstellen, von Gerlach beschrieben und geschildert. Joachim Günther