Sie hätten eine Stunde früher kommen sollen, mein Herr“, sagte Arturo, während er eine leere Staffelei gegen das Fenster rückte und eines seiner Aquarelle gegen das Holzgestell lehnte. Es zeigte einen der tausend Blicke auf den Vesuv. Ein Motiv, das gern gekauft wurde. Die hereinbrechende Dämmerung nahm den Farben die Leuchtkraft.

„Das tut nichts zur Sache“, sagte der Besucher, der breit und mäßig zwischen ungerahmten Bildern und Keilrahmen in der Ecke des kleinen Ateliers stand und Arturos Aufforderungen, doch in dem Kundensessel Platz zu nehmen, überhörte. Mit einer knarrenden und ungewöhnlich tiefen Stimme sagte er: „Ich möchte überhaupt nicht sowas... Ich möchte was Nacktes!“

Erst jetzt warf Arturo jenen Malerblick auf seinen Gast, der ins Innere dringt. Er sieht aus wie ein Sargtischler, der Geld hat, sagte er sich. Er dürfte stark in den Fünfzigern sein, und nun will er sich ein nacktes Mädel übers Bett hängen! Wer Angst voran Leben hat, kauft sich einen Fetzen fremder Phantasie und drapiert damit seine Einsamkeit. Ihm konnte es recht sein.

Er hatte von seiner Freundin Marietta ein paar Aquarellskizzen und zwei Versuche in Öl. Ich werde dem Alten, dachte er, da er nach Geld stinkt, einen der Ölschinken aufschwatzen, sie taugen ohnedies nicht viel.

Arturo zeigte das Mädchen Marietta, wie es rank und schlank und nur mit einer Korallenkette bekleidet zwischen einem wildgeblümten Vorhang heraustrat, wobei ihm wieder schmerzlich bewußt wurde, daß er bei der Wahl des Motivs zu stark an Matisse gedacht hatte. Nun, diese Anlehnung an ein berühmtes Vorbild würde den Sargtischler oder wer immer er sein mochte, nicht stören, die Hauptsache mochte ihm wohl eine gewisse Genauigkeit in der Erfassung des Objekts sein, und damit war nicht gespart.

Der Alte warf kaum einen Blick auf das Bild und knarrte: „Das ist nichts!“

In Arturo regte sich gekränkter Künstlerstolz. Gewiss, ein Meisterwerk war ihm da nicht gelungen, aber ebensowenig war es „nichts“. Einem anerkannten Kunstrichter hätte er ein so rüdes Urteil nachgesehen, denn sie leben von der Übertreibung, dem Banausen aber gebührt Ehrfurcht vor der Muse, auch wenn sie hinkt! Aber als der Alte seine Mißbilligung mit einer Geste unterstrich, die einen voluminösen weiblichen Umriß in die Luft malte, wußte Arturo Bescheid. Nicht seine Kunst wurde bemängelt, sondern Mariettas gazellenhafter Wuchs. Der Mann wollte für sein Geld Fleischgewicht.