E. G., London, im Mai

Deutschland leidet unter Kapital- und Gütermangel. Es kommt also darauf an, daß die deutschen Einzahlungen für Marshall-Plan-Güter wieder in die Wirtschaft zurückfließen. Als Counterpart-Funds sind sie der wichtigste Posten der deutschen Kapitalbildung. England, umgekehrt, leidet an Arbeiter- und Gütermangel, vor allem Gütermangel aus Dollarländern. Pfund-Kapital ist zur Genüge vorhanden. Im direkten Gegensatz zu den deutschen Verhältnissen gilt es also dort, die Gegenwertzahlungen in der amtlichen Kasse festzuhalten. Daher kamen London und Washington überein, die in Großbritannien auflaufenden Gegenwerte zur Tilgung der Staatsschuld zu verwenden. Dies ist nicht nur wirtschaftlich logisch, sondern psychologisch auch richtig – soweit es die britische Öffentlichkeit betrifft, denn: es kommt ja bei einem neuen in England zu errichtenden Stahlwerk auf die amerikanischen Maschinen und auf die Dollar dafür an; die Pfunde hat man schon. Nun, das vereinbarte Verfahren lief eine Zeitlang recht reibungslos. Mehr als 200 Mill. £ Gegenwerte wurden ausgelöscht, also zur Tilgung der Staatsschuld verwandt.

Jetzt aber regten sich die Kritiker in den USA. Einmal fragte man, warum man denn eigentlich Marshall-Hilfe gewähre, wenn die Engländer damit ihre Staatsschuld vermindern. Wieso die amerikanische Staatsschuld erhöhen, um die britische zu senken? Diese Argumentation setzt eine beträchtliche Unkenntnis des Unterschieds zwischen intern-britischem Zahlungsverkehr und internationalem Transfer voraus. Die Senkung der englischen Staatsschuld ist eine Nebenerscheinung, nicht Hauptzweck der Marshall Hilfe.

Zum zweiten sagt man in den USA, es sei falsch, daß man in England glaube, man baue ein solches Stahlwerk aus eigener Kraft. In Wirklichkeit zahle doch der amerikanische Steuerzahler und eine amerikanische Fabrik liefere.

Also begann eine lange Serie amerikanischbritischer Besprechungen. Dort soll es zeitweise sehr lebhaft zugegangen sein, und die Engländer hätten, wie verlautet, halb hochmütig-amüsiert angeboten, daß es ihnen auf den Augenschein nicht ankäme, daß sie die getilgten britischen Staatsanleihen durch irgendwelche fiktiven Rechnungen für das Stahlwerk ersetzen wollten. Theoretisch gestanden sie somit zu, daß die Schulden in irgendeiner anderen Form – wieder aufleben sollten, praktisch aber Schulden, die keine waren. Denn was nützt eine bezahlte Rechnung? – Alles durften während der Verhandlungen die Amerikaner verlangen, nur nicht, daß mit den aufgelaufenen Counterpart-Funds zusätzliche Stahlwerke gebaut werden sollen, denn bei Überbeschäftigung wäre das einer inflationistischen Aufblähung der Geldmenge gleichgekommen und ein rentabler Absatz der Produktion der neuen Werke höchst zweifelhaft gewesen. – Nun endlich scheinen die Amerikaner eingesehen zu haben, daß ihre Optik nicht gerade logisch war. Man soll sich darauf geeinigt haben, weiterhin mit Hilfe der Gegenwerte die britische Staatsschuld direkt zu kürzen.

Das wäre beinahe eine Geschichte von den Pfunden, die keiner haben will. Doch so ungern nimmt Sir Stafford Cripps die Gegenwert-Millionen nun doch nicht; denn die Staatsschuld, die er zu verwalten hat, beträgt immerhin 24 Milliarden Pfund...