Der Leitartikel der „Zeit“ vom 13. April 1950 unter dem Titel: „Deutschland-England: letzter Akt“ hat jenseits des Kanals Unruhe hervorgerufen. In diesem Artikel war auf die Tatsache hingewiesen worden, daß England zur unbeliebtesten Besatzungsmacht in Deutschland geworden ist. Dieser Stimmungswechsel sei um so bedeutsamer, als ja im Gedächtnis der deutschen Bevölkerung die Meinungen und Gefühle aus dem „letzten Akt“ der Besatzungsmacht würden haften bleiben, nicht die aus dem „ersten Akt“. Das kommende Europa vertrage keine allzu schweren Vorbelastungen der Freundschaft seiner Völker. Was, so wurde gefragt, hätte England zu opfern, um zu einem normalen Verhältnis mit Deutschland zu gelangen und eine echte Verständigung vorzubereiten. Die Antwort lautete: „Der Preis ist niedrig, sehr niedrig. Er besteht in der Unterlassung längst unzeitgemäßer Handlungen“. Erwähnt wurden in diesem Zusammenhang betont unfreundliche Äußerungen des britischen Außenministers Bevin, die Demontagepolitik im allgemeinen und besonderen, die Bombardierung von Helgoland, der Manstein-Prozeß, sowie einzelne als Schikane wirkende Besatzungsmaßnahmen. Der Artikel war ein Appell an England, seine Besatzungspolitik von einer Zukunft britisch-deutscher Freundschaft und nicht von der Vergangenheit verstaubter und überholter Beschlüsse bestimmt sein zu lassen. – Hierauf sind uns von maßgebender englischer Seite zwei Erwiderungen zugegangen; die eine von dem früheren britischen Kriegsminister und jetzigen Unterhausabgeordneten F. J. Bellenger, die andere von einem führenden britischen Publizisten: D. McLachlan vom „Economist“.

Vielleicht werden die Leser der „Zeit“ es anmaßend finden, wenn ein Mitglied des britischen Unterhauses es unternimmt, auf den Artikel eines Mitgliedes der Schriftleitung in einer deutschen Zeitung zu antworten. Ich bin mir bewußt, daß Herr Friedlaender in erster Linie für ein deutsches Leserpublikum schreibt. Sein Artikel hat aber nicht nur den britischen Außenminister, sondern auch die britische Außenpolitik kritisiert. Er hat England wissen lassen, daß es, sozusagen „trotz allem“, immer noch nicht zu spät sei, die deutsche Freundschaft für einen „niedrigen Preis“ zu erwerben. Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden, wenn ich erkläre, daß viele Leute in England ein solches deutsches Angebot zumindest für problematisch halten.

Wenn ich die Gastfreundschaft einer deutschen Zeitung in Anspruch nehme, um mich mit einigen Fragen der britisch-deutschen Politik auseinanderzusetzen, so leite ich die Berechtigung dazu aus der Tatsache her, daß ich seit dem ersten Weltkrieg, an dem ich als junger Offizier teilnahm, viele deutsche Freunde und Bekannte habe. Infolge meiner Heirat bestehen auch nach Deutschland hin Familienbande, so daß es auch aus diesem Grunde nur natürlich ist, wenn meine Angehörigen und ich Deutschland öfters besuchen und infolgedessen die heutigen deutschen Nachkriegsprobleme aus eigener Anschauung kennen.

Lassen Sie mich eins sofort klar aussprechen. Kein Engländer läßt sich davon beeindrucken, wenn jemand im Ausland seinem Ungehaltensein über Großbritanniens mangelnde Begeisterung und Eile Luft macht, deutsche Wünsche und Hoffnungen zu befriedigen. Wenn Mr. Bevin, unser Außenminister, ausdrücken wollte, daß das deutsche Volk eine große Verantwortung für die Untaten des nationalsozialistischen Regimes getragen habe, so spricht er damit nur aus, was die überwiegende Mehrzahl der Bewohner dieses Planeten denkt. Dabei dürfte es ihm gänzlich gleichgültig sein, ob Mr. Acheson oder M. Schuman dasselbe sagen würden, obwohl er vermutlich genau weiß, daß viele Leute, darunter ich selbst, es vielleicht vorziehen würden, Aussprüche zu vermeiden, die zweifellos eine Verständigung zwischen unsern beiden Völkern nicht gerade erleichtern. Trotzdem muß auch ich jetzt etwas Sagen, Von dem ich genau weiß, daß man es im heutigen Deutschland ungern hört: Es gibt in England eine Unzahl guter Demokraten – Gewerkschaftler, Unternehmer, Angehörige aller Schichten –, die, wie ich, es niemals begreifen werden, wie ein schwerarbeitendes, kulturell hochstehendes und im Grunde rechtlich denkendes Volk wie das deutsche das teuflische System Hitlers tolerieren und ihm sogar zu großen Teilen für eine lange Zeit zujubeln konnte. Ich bin außerdem ganz besonders von der Tatsache beeindruckt, daß das deutsche Offizierskorps es Hitler gestattet hat, nationale wie internationale Gesetze und Ehrbegriffe im Namen Deutschlands in den Kot zu treten.

Ich erwähne dies alles nicht etwa, um Mr. Bevins allzu ausgesprochene Bemerkungen zu entschuldigen, sondern um zu zeigen, daß man in Deutschland heutzutage allzuleicht zu vergessen scheint, was die meisten Menschen im Ausland denken, wenn auch nicht alle ihre Meinung so hörbar und unmißverständlich wie Mr. Bevin kundtun können. Ich bin mir klar darüber, daß die lange geistige und physische Abschnürung es den Deutschen nicht leicht macht, sich eine genaue Kenntnis von der Meinung des Mannes auf der Straße in andern Ländern zu machen. Wenn dies nämlich nicht so wäre, dann würde man wahrscheinlich heute in Deutschland mit Beunruhigung wahrnehmen, daß gewisse Entwicklungen in der Bundesrepublik in letzter Zeit durchaus nicht dazu beigetragen haben, die Ansicht des Durchschnittsengländers über die Deutschen und ihre politisches Tendenzen grundlegend zu verändern.

Nach diesen mehr einschränkenden Bemerkungen möchte ich nur versuchen, einige positive Gedanken über die Zukunft der britischdeutschen Beziehungen zu Papier zu bringen. Ichspreche dabei nicht nur für mich selbst, sondern für eine ständig wachsende Zahl von Engländern, die trotz der bestehenden politischen und psychologischen Schwierigkeiten bereit sind, für eine Verständigung mit Deutschland auf der Grundlage von Gleichberechtigung, Offenheit und Ehrenhaftigkeit zu arbeiten.

Der Krieg ist zu Ende, und obwohl ihn Deutschland verloren hat, kann man, vom militärischen Sinn des Wortes abgesehen, kaum England als Sieger bezeichnen. Ich glaube Anzeichen dafür zu erblicken, daß man sich in Deutschland nicht völlig über das Ausmaß im klaren ist, in dem unsere beiden Länder materiell und seelisch durch einen Krieg gelitten haben, den England bestimmt nicht gewünscht hat. Mein Land ist heute gezwungen, einen Grad von „Austerity“ auf sich zu nehmen, der kaum vereinbar mit der Lebenshaltung eines Volkes zu sein scheint, das nach landläufigen Vorstellungen „gesiegt“ hat. Wie kraß das Mißverhältnis gemessen an unserer militärisch-politischen Leistung ist, wird besonders klar, wenn man sich an die Zeit erinnert, in der allein Großbritannien unter Mr. Churchill’s Führung dem Ansturm der deutschen Kriegsmaschine Widerstand leistete. Wir beginnen jetzt allmählich unserer wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten Herr zu werden, und wir anerkennen durchaus die Anstrengungen, die die Deutsche Bundesrepublik in gleicher Richtung macht.