Die beiden britischen Erwiderungen zeigen mit bedrückender Deutlichkeit, wie weit wir noch von einer britisch-deutschen Verständigung entfernt sind. Sie kann ja kaum in der wechselseitigen Aufstellung von Sündenregistern bestehen. Der „Zeit“ war es wichtig erschienen, mit allem Nachdruck auf die antibritische Stimmung hinzuweisen, die jeder wahrnehmen muß, der in Deutschland die Augen und Ohren offenhält. Sie ergibt sich nicht aus der Besatzung als solcher, denn es handelt sich ja um die ganz besondere Unbeliebtheit einer einzelnen Besatzungsmacht. Hier liegen bestimmte Mißstände vor, und es besteht die Möglichkeit, sie abzustellen. Darum allein ging es und geht es der „Zeit“. Man spricht hier kaum zur Sache, wenn man, wie Mr. Bellenger der „Zeit“ die paradoxe Handlung der Zeitverschwendung“ im Nachbrüten über britische Fehler und Untaten vorwirft, wenn man, wie er, sich über „Popularität“ erhaben fühlt. Deutschland erlebt die Besatzungspolitik im eigenen Lande. Es muß urteilen auf Grund dessen, was hier an Ort und Stelle zu sehen und zu beobachten ist. Wenn wirklich, wie Mr. Bellenger meint, so viele Engländer verständigungsfreudig sind, wenn sogar die britische Regierung viel besser ist, als sie scheint, warum bestehen dann die Mißstände in Deutschland weiter? Warum darf man nicht über sie sprechen, obwohl sie nun einmal für das deutsch-britische Verhältnis wesentlich sind? Kann man nicht bei einem so konkret gestellten, so sachlichen Thema verweilen, ohne nach allen Seiten hin abzuschweifen? Was hat etwa die Bombardierung Helgolands mit Sünden des deutschen Offizierskorps unter Hitler zu schaffen, von denen Mr. Bellenger spricht? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der Demontage von Salzgitter, oder dem Manstein-Prozeß und einer angeblichen, uns von Mr. McLachlan vorgeworfenen ostwestlichen Politik der Zweigleisigkeit und Erpressung? Warum verliert sich Mr. McLachlan in Betrachtungen über den deutschen Nationalismus, über die Mängel der deutschen Presse; über das Abseitsstehen unserer jüngeren Jahrgänge? Selbst wenn all dies zutreffen sollte, wird dadurch die sinnlose Demontage oder die Verbannung der Helgoländer von ihrer Insel irgendwie einleuchtender?

Es scheint, daß wir weitgehend aneinander vorbeireden, daß wir uns wechselseitig eher reizen als überzeugen. Zu sehr besteht immer noch die Neigung, richtig auszupacken und alles zu sagen, was man überhaupt gegen den anderen auf dem Herzen hat. Dabei ist es ganz offensichtlich, daß alle Beteiligten, sowohl die „Zeit“ wie Bellenger und McLachlan ehrlich von der Notwendigkeit einer deutsch-britischen Verständigung überzeugt sind. Aber beide Engländer halten die Methode der „Zeit“ für falsch, und wir müssen leider gestehen, daß wir die Methode beider Einsender nicht für unbedingt glücklich halten. Vielleicht haben wir uns wirklich zu sehr auseinandergelebt, vielleicht kennen wir jeweils die Stimmungen und Meinungen des „Mannes auf der Straße“ im anderen Lande zu wenig. Und auf diesen Mann kommt es nun einmal in Demokratien an. Aber: „Die Zeit“ ist eine deutsche Zeitung, sie wendet sich in erster Linie an ein deutsches Publikum. Für den Leitartikel „Deutschland–England: letzter Akt“ war die Kenntnis des Durchschnittsengländers nicht so unbedingt wesentlich wie die Kenntnis des Durchschnittsdeutschen für die beiden Erwiderungen. Die „Zeit“, so scheint es, hat die bessere Entschuldigung.

Der „Zeit“-Leser jedenfalls wird gebeten, sich nicht zu ärgern, weder über Bellenger noch über McLachlan. Beide meinen es fraglos aufrichtig. Beide täten gut daran, das schriftliche Gespräch mündlich mit uns fortzusetzen. Es bleibt noch viel zu sagen übrig, und Hamburg wäre hierfür ein guter Platz. Bellenger und McLachlan sind uns mir willkommen.