Vielleicht ist es nur ein geringer konjunktureller Rückgang, wenn Frankreichs Roheisenerzeugung im März auf 475 000 t (Februar 634 000 t) und die Rohstahlproduktion auf 506 000 t (Februar 717 000 t) zurückgegangen ist. Jedenfalls wird es in Paris einerseits mit Sorge betrachtet, daß es an der Ruhr etwas „boomt“, anderseits aber befriedigt es politisch, daß in den USA die Stahlerzeugung einem neuen Höchststand zustrebt.

Seit einiger Zeit hat das Weltgeschäft in Eisen und Stahl eine Belebungsspritze aus den Vereinigten Staaten bekommen, die bis in die (übrigens nicht ausreichend beschäftigte) belgische Schwerindustrie wirkt. Sogar in Westdeutschland ist der eine oder andere warme Regentropfen in Form vereinzelter Stahlaufträge von der Westküste der USA verspürt worden.

In den USA entwickelt sich also seit einigen. Wochen ein regelrechter Boom, der fast ausschließlich aus dem Inland getragen wird. Es ist verständlich, daß besonders von sowjetischer Seite hieran schwerwiegende politische (und militärwirtschaftliche) Kommentare geknüpft werden. Aber so leicht sind die Dinge nicht auf einen Nenner zu bringen. „The Iran Age“ schreibt, daß „die Stahlnachfrage sämtliche Vorhersagen im ganzen Lande über den Haufen geworfen hat“, daß „bei allen größeren Stahlwerken die Auftragseingänge eine volle Kapazitätsausnutzung auf Monate hinaus gewährleisten“ und daß „die Werke mit Aufträgen schneller überschwemmt werden, als sie den Stahl ausbringen können“.

Die Experten von jenseits des Großen Teiches und der Auffassung, daß die 11 Mill. t Stahlproduktionsverluste aus den vergangenen Streikwochen wiederaufgeholt würden, daß ein Rückgang der Nachfrage nicht vor Herbst dieses Jahres zu erwarten sei und daß im ganzen Lande „noch keine Lücken in der Frontlinie des Stahlbedarfs“ erkennbar wären.

In Ziffern gesehen bedeuten die derzeitigen Ausbringungen der amerikanischen Hochöfen (bei einer durchschnittlichen Kapazitätsausnutzung von 97 v. H.) eine Jahreserzeugung von 96 Mill. t Rohstahl. Voriges Jahr kam man auf 77,9 Mill. t und der Rekord der Kriegszeit lag bei „nur“ 89,64 Mill. in 1944. Da die ersten Monate des laufenden Jahres noch nicht die letzten Höchstziffern erreicht hatten, schätzt man zur Zeit die Stahlerzeugung der USA für 1950 auf etwa 15 Mill. t. Aber diese Eigenproduktion reicht noch nicht aus. Anlieferungen ausländischer Stähle in den ost- und westamerikanischen Häfen steigen „beachtenswert“, heißt es Ihre Lohnverarbeitung werde bereits jetzt schon ein ernstes Konkurrenzproblem, meint „Iron Age“ und fügt hinzu, daß ein Austausch der amerikanischen Stahlimporte mit Eigenerzeugung an dem Engpaß der Arbeitsmarktlage im Detroit-Bezirk scheitern müsse, wenn es nicht gelänge, „hier wieder einmal ein Kaninchen aus dem Hut hervorzuzaubern – oder wenigstens einen neuen Lohnvertrag“

Abgesehen von der bemerkenswerten Tatsache, daß die inneramerikanische Konjunktur im Gegensatz zur Entwicklung im vergangenen Herbst wieder starke Boomzeichen trägt, erscheinen uns Parallelen zur deutschen Stahlentwicklung nicht uninteressant. Auch die Bundesrepublik hat in den vergangenen vier Monaten dieses Jahres einen erfreulichen Stahlaufschwung hinter sich, der an der Produktionsgrenze des Washingtoner Abkommens vom 13. April 1949 (nämlich an den 11,1 Mill t Stahl) zu rütteln beginnt. Mit einem Male äußern sich auch bisher sehr zurückhaltende USA-Manager in Politik und Wirtschaft leicht ironisch über die pessimistische UNO-Stahlprognose aus dem Genfer Laboratorium der OEEC, die eine nicht unterzubringende europäische Stahlüberproduktion von 5 bis 7 Mill. t angekündigt hatte. Diese Prophezeiung ist bisher stets das „wissenschaftlichpolitische“ Gegenargument 1. Klasse zum deutschen Stahl-Optimismus gewesen. Jetzt erhalten die deutschen Sachverständigen an Rhein und Ruhr (und an der Universität in Kiel) prominente Verbündete. Politiker und Industrielle bauen ihren geistigen Schutzzoll vor den deutschen Thesen einer notwendigen Produktionslockerung merklich ab. Möge dies auch anderswo vernommen werden. Clement schrieb kürzlich einmal in „Le Monde“, daß „die Stahlbeschränkung für Deutschland ‚eine Bekehrung ist, die dem Weg Mitspricht, in den die Alliierten schon immer die Wirtschaft des neuen Deutschlands zu führen bestrebt waren“.

Ist es schon Zeit, die Frage zu stellen, was bekehrt nun wen? Rlt.