Es wenden viele Filme öffentlich gezeigt, die zu sehen kein Gewinn ist. Viele kommen aus dem Ausland. Es gibt andere, die jeder sehen sollte und die den Weg in deutsche Kinos nicht finden. Zwei von ihnen, die kürzlich in Hamburg intern vorgeführt wurden, sollten möglichst bald jedermann zugänglich sein: der amerikanische Film „Befehl des Gewissens“ (The Fugitive, RKO-Schau für Kinotheaterbesitzer) nach Graham Greenes Roman „Die Kraft und die Herrlichkeit“ und „Schwere Jahre“ (Anni Difficili) des Italieners Luigi Zampa (Hamburger Film-Club). Beide Kunstwerke sind aus innerer Beunruhigung um die Untaten der Menschen entstanden. Sie halten einen Spiegel zur Selbsterkenntnis vor, die zu besserer Einsicht und Versöhnung führen könnte.

Auf einer sonnenheißen mexikanischen Dorfstraße reitet ein Mann auf einem Esel. An einer halb zerstörten Kapelle hält er an. Als er mit beiden Armen die Flügeltür öffnet, formt sein Schatten auf dem Fußboden des Kirchleins das Bild des Gekreuzigten. Der Mann in armseliger Kleidung mit dem intelligenten Gesicht ist der letzte Priester des Landes, auf der Flucht vor dan politischen Gewalthabern. Dem Regisseur John Ford gelang ein meisterhafter Anfang und ein meisterhafter Film, und die billige Abstempelung „ein religiöser Tendenzfilm“, „ein politischer Hetzfilm“, mit der die Kinotheaterbesitzer, auf der Suche nach gängiger Ware, ihr Zögern erklären wollten, ist geradezu unfaßbar.

Obwohl der Regisseur John Ford und der Drehbuchautor Dudley Nichols die Dichtung Graham Greenes mit den filmischen Ausdrucksmitteln natürlich nur im Auszug wiedergeben konnten, wobei sie vorsichtig die Gestalt des heruntergekommenen, trunksüchtigen, ungebildeten Priesters, der Hauptfigur des Romans, idealisierten, gelangten sie klar und wahrhaftig zu dem Kern der Aussage, daß der Mensch, sündig und schwach, zwar böse Taten verrichtet, aber an seiner Sünde leidet, weil Gott ist. Keiner ist ausgenommen. Die Sünde als das offene und übermächtige Leid der Kreatur, die sich wohl mit dem Tode abfindet, aber nicht mit dem Leben! Nicht nur der Priester, der seine Furcht bekennt und, schon in die Sicherheit des Grenzlandes geflohen, sich selbst überwindend zurückkehrt und unter der Salve des Exekutionskommandos stirbt, auch der Polizeioffizier, der selbstherrlich „eine bessere Religion gefunden hat“, auch der Spitzel, ja, selbst der Mörder aus Habgier, sie alle, die schlecht und.schwach sind und fehlen, sie leiden an sich selbst und suchen oft in hilflos kleinen Gesten – die an mancher Stelle dieses filmischen Meisterwerkes sehr viel mehr ausdrücken als das Wort – nach Rechtfertigung. Ein Tendenzfilm? Ein Hetzfilm? Es geht um keine politische oder irgendwelche Konjunktur. Bar jeder Gefühlsromantik menschlicher Beziehungen ist der höheren Einsicht ein Weg gewiesen. In der Reihe der bedeutenden Schauspieler ist die Wiederbegegnung mit Dolores del Rio (charaktervoll in Leid und Leidenschaft einer Eingeborenen) sehr eindrucksvoll.

Auch der 1948 in Venedig preisgekrönte Film „Schwere Jahre“ des italienischen Regisseurs Zampa, dessen Nachkriegsfilm Vivere in pace uns leider auch nicht erreichte, schuf keine „Helden“. Er zeigt „den Mann auf der Straße“ im Italien Mussolinis in den Jahren 1934 bis 1943. An dem törichten Handeln des bescheidenen Verwaltungsbeamten an der Bürgermeisterei von Modica auf Sizilien, Piscitello, an seiner Familie und seinen Freunden wird demonstriert, was Verführung und Betrug eines politischen Systems aus Menschen machen können. In einem jagenden Wechsel ungewöhnlich temperamentvoller, keineswegs immer sehr künstlerischer Bilder und mit südländischem Wortreichtum sind in bedrängender Genauigkeit zehn Jahre mit geradezu beklemmenden Parallelen zu unserer jüngsten Vergangenheit dokumentarisch festgehalten. Es ist auf das menschliche Mittelmaß mit zürnendem Finger gewiesen, aber ein versöhnlicher Humor herrscht vor, der davon überzeugen will, daß die größte Tugend eines Volkes die Kunst sei, die eigenen Schwächen zu belächeln. Umberto Sparado spielt mit einer virtuosen Scala erstaunter Unschuld, Naivität und hilfloser Verzweiflung den kleinen Mann, der die Stiefel der Marschierer anziehen mußte, die auch ihn zertrampeln. Erika Müller