Die „Zeit“ möchte mit den folgenden – stark kritisch gehaltenen – Ausführungen, die uns von einem Bankpraktiker zugegangen sind, eine Diskussion über die Fragen der Zahlungsmoral einleiten, die etwa unter dem Motto stehen könnte: „Einden Sie, daß sich Ihre Kundschaft richtig verhält? Es geht uns also darum, einmal festzustellen, welche Zahlungsziele und -modalitäten in den einzelnen Branchen heute als üblich und berechtigt angesehen werden können, und welche Entwicklungen als Mißstände zu bezeichnen sind.

Ein großer Bankmann hat einmal gesagt, daß derjenige, der von Berufs wegen Geld zu verleihen habe, von vornherein die Hoffnung auf eine etwaige Dankbarkeit seiner Klienten fahren lassen sollte. Er könne sich vielmehr mit Sicherheit auf die Unzufriedenheit derjenigen verlassen, die zur Rückzahlung früher erhaltener Bankkredite angehalten werden müssen, und auf das Übelwollen seiner verhinderten Schuldner, d. h. derjenigen, denen ein beantragter Kredit nicht bewilligt worden, ist. Gerade diese sind besonders nachtragend und pflegen betont auf die kleinen „Unfälle“ hinzuweisen, denen sich nun einmal ein Bankbetrieb nicht entziehen kann: auf gelegentliche Zahlungseinstellungen der Kunden also, bei denen die Banken Geld verlieren. Es kommt dann, gar nicht darauf an, aus welchen Gründen ein Kredit notleidend wird, weil die Wirtschaftskonjunktur unvorhersehbare Wege gegangen ist, weil der Kreditnehmer untüchtig oder vielleicht gar ein Betrüger war...! „Solchen Leuten gibt die – Bank eine Viertelmillion und mir, der ich sicherer als die Reichsbank bin, nicht einmal 20 000 DM!“ Und unfreundliche Briefe und „Eingesandts“ wandern an Banken, Behörden und Redaktionen.

Das ist kennzeichnend dafür, welche Auffassungen heute über einen Bankkredit herrschen. Seine wirkliche Natur erkennt man vielfach nicht oder will sie nicht erkennen. Ein Bankkredit ist ein kurzfristiger Warenumschlagskredit, dem Kreditnehmer zu dem Zwecke gegeben, daß er damit Rohware kauft, diese verarbeitet und das Fertigprodukt in einem Zeitraum von (beispielsweise) drei Monaten verwertet und den Verkaufspreis kassiert. Diese Kredithergabe, in die Form des Dreimonatswechsels gekleidet, ist das Idealste; der Kredit liquidiert sich nach drei Monaten von selbst. Wie sieht nun die Wirklichkeit aus? Der 20. Juni 1948 war sozusagen der Nationalfeiertag der Bankschuldner. An diesem Tage wurde das Restvermögen der Banken dadurch zerstört, daß man ihre Außenstände, die Debitoren, im Verhältnis von 10:1 zusammenschnitt. 90 v. H. der Reichsmark-Schulden wurden auch denjenigen erlassen, die damals bewirtschaftete Waren zu den vorgeschriebenen Normalpreisen erworben und diese Waren am Währungsstichtag noch liegen hatten. Sie konnten diese Ware anschließend in DM zu 100 v. H. verkaufen und brauchten in DM von dem Einstandspreis nur 10 v. H. zu bezahlen – dies unter den Augen der Finanzminister, denen offenbar erst später ein Licht darüber aufgegangen ist, daß die Länder und damit die Steuerzahler diese Zeche in Form eines Milliardenbetrages in Ausgleichsforderungen zu bezahlen haben.

Dieses Erlebnis war für die „befreiten“ Schuldner jedenfalls so schön, daß sie auf eine baldige Wiederauffüllung ihres Debitorenstandes bedacht waren. Sie hielten es für ihr gutes Recht, den Betrag, den sie vorher in Reichsmark geschuldet hatten, nun auch wieder in D-Mark schulden zu dürfen. Sie sahen den ihnen eingeräumten Kredit als eine Quote an, so wie man eine Quote in einem Konsortium oder Syndikat hat... Das Tempo, mit dem sich im zweiten Halbjahr 1948 der Wiederaufbau der deutschen Kreditwirtschaft zu vollziehen hatte, brachte es natürlich mit sich, daß sich in die große Herde der weißen auch einige „schwarze“ Schafe einschlichen. Von dem oben beschriebenen Idealtyp des Warenumschlagskredites hat man sich dabei vielfach entfernt. Die Banken mußten Betriebsmittel-Kredite geben, die sich nicht mit der gleichen Schnelligkeit zurückzahlen lassen, weil die betreffenden Firmen, denen die Barmittel durch den Währungsschnitt arg reduziert worden sind, dann gleich wieder blank dasäßen. Andere wiederum verbauten die kurzfristig aufgenommenen Gelder: es entstanden Läden, Büroräume, manchmal im Verschwiegenen ganze Fabriken. Man ist aber auch in solchen Fällen recht, verärgert, wenn die böse Bank auf Rückzahlung drängt, hatte man doch das feste Kreditkontingent schon so lieb gewonnen, es als ein zum good will gehörendes Aktivum betrachtet. Es hat nur noch gefehlt, daß diese theoretische Quote an der Börse gehandelt wird oder vererblich ist.

Ein Bankkredit kann gefährlich für einen Betrieb werden. Das wissen viele Leute. Aber ein Bankkredit ist auch recht bequem und es läßt sich damit viel Geld verdienen. Die Bank erhält im äußersten Fall 8 1/2 v. H. Zinsen und Provisionen, von den anspruchsvollen Großborgern aber auch viel weniger; sie kann vielleicht die ihr übergebenen Sicherheiten überwachen – aber sonst ist und bleibt man Herr im Hause, selbst wenn der Betrieb praktisch für Rechnung der kreditgebenden Bank geführt wird. Das ist auch der Grund dafür, daß sich viele Firmeninhaber sträuben, einen Kompagnon aufzunehmen, auch wenn ein solcher leicht zu beschaffen wäre. Aber ein solcher Kompagnon will ja mitreden – also gibt man dem Bankkredit den Vorzug.

Andere Firmen sind auf ständiger Jagd nach „Rabattkrediten“. Die schleppende Zahlungsweiss und schlechte Zahlungsmoral haben dazu geführt, daß viele Lieferanten einen Rabatt oder Skonto von 2 bis 3 oder 4 v. H. geben, wenn der Abnehmer nur binnen 14 Tagen oder 4 Wochen bezahlt. 3 v. H. auf 4 Wochen sind aber 36 v. H. im Jahr – eine respektable Ziffer im Vergleich zu dem Bankzins von 8 1/2 v. H.

Es bedarf auch keines Hinweises, daß sich viele Kreditnehmer der in dem Instrument des Wechsels liegenden Vertragsstrenge nicht bewußt sind. Marcher akzeptiert einen Wechsel, stellt ihn bei einer bestimmten Bank zahlbar und kümmert sich nicht mehr darum, bis eine Rückfrage kommt. Oder man schreibt Schecks aus, obwohl man weil, daß keine Deckung vorhanden ist, aber in der Hoffnung, daß der betreffende Scheck noch einmal „durchrutschen“ wird, und man ist höchst pikiert, wenn die bezogene Bank den Scheck zu Protest gehen läßt und den Aussteller vorher nicht telefonisch anruft. Manchem Kunden hat schon wegen dieses Mißbrauches, wenn er wiederholt vorkam, das Konto gekündigt werden müssen. Besonders schlau glauben gewisse Finanzexperten zu sein, die in großen über das Bundesgebiet verbreiteten Konzernen sitzen. Dort ist es zuweilen üblich, daß z. B. die Hamburger Stelle meist Schecks auf München und die korrespondierende Münchner Stelle meist Schecks auf Hamburg in Zahlung gibt, weil man auf diese Weise einen – freilich unfreiwillig gewährten – Bankkredit für die Postlaufzeit des Schecks erhält, Wie sich mit solchen Gepflogenheiten Pläne vertragen sollen, auch den Scheckeinzug bei den Landeszentralbanken zu monopolisieren, ist unerfindlich. Die Verzögerungen, die unsere ganze Wirtschaft dadurch belasten, daß der gesamte Zahlungsverkehr über die Ländergrenzen hinaus über die Landeszentralbanken geleitet werden muß, sollten ein abschreckendes Beispiel sein. Man überleget Eine Oberweisung von Hamburg nach Cuxhaven muß über Hannover geleitet werden und berührt die Konten der Hamburger und der Hannoverschen Landeszentralbank bei der Bank deutscher Länder in Frankfurt.

Geld borgen ist leicht, Rückzahlen ist schwer! Es war schon von den Leuten die Rede, denen von ihren RM-Schulden 90 v. H. erlassen worden sind. Nun gibt es aber noch eine weitere Gruppe, nämlich die, die nicht einmal jene 10 v. H. bezahlen wollen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Groß-Schuldner der geschlossenen Berliner Banken, die noch recht erhebliche Forderungen an Betriebe haben, die entweder schon früher in den Westzonen ansässig waren oder nach dem Krieg dorthin ausgewichen sind. Diese zeigen eine mimosenhafte Empfindlichkeit, wenn ihr Portemonnaie an dieser Stelle angerührt wird Fünf Jahre haben sie schließlich Zeit gehabt, um sich auf ihre Zahlungspflicht zu besinnen. Jetzt, da es ernst zu werden scheint, möchten sie sich an ein ganzes Bündel von Straffe halmen klammern. Besonders die reichsverbürgten Kredite haben es ihnen angetan. Sie sollen schlechter als die nichtverbürgten behandelt und den gestrichenen Reichsschulden gleichgestellt werden. Die nichtverbürgten sollen auf eine Linie mit den Forderungen der Vorlieferanten kommen, also letzten Endes auch untergehen. Man vergißt dabei ganz, daß es nur noch 10 v. H. sind. Auch der Deutsche Industrie- und Handelstag haut in diese Kerbe. Was soll dann vom einzelnen Schuldner verlangt werden? Wie in solchen Fällen üblich, hat sich auch eine Interessengemeinschaft der „Zahlungsunwilligen“ etabliert, die Briefe nach Bonn schreibt, mehr oder weniger naive Gesetzentwürfe beifügt und dann in der Weiß das Gerücht verbreitet, es läge schon ein Gesetzentwurf beim Bundestag vor. Auf diese Weise will man die Justizbehörden beeinflussen und in schwebende Prozesse eingreifen. Dieselben Kreise sind es aber oft genug, die vor den Schaltern der ERP- und der sonstigen Bundes-, Landes- und Subventions-Kredite Schlange stehen. A. N.