E. E. M. Brüssel, im Mai

Oktober 1949 begannen die Besprechungen zwischen Frankreich, Italien und Benelux. Man wollte wirtschaftlich enger zusammenarbeiten. Das Schlagwort hieß „Fritalux“. Dieser vielleicht mehr für ein Waschmittel geeignete Name stieß vor allem in der Benelux auf Widerspruch. Man einigte sich dann auf „Finebel“. Aber seitdem die Endsilbe von „lux“ in „nebel“ geändert wurde, schien sich über das Projekt wirklich Nebel zu legen, bis Anfang 1950 die Benelux-Länder noch einmal vorstießen. Anlaß gaben die parallel der kontinentalen Einigungsbestrebungen laufenden Besprechungen Großbritanniens mit den skandinavischen Ländern: „Uniscan“.

Diese sich anbahnenden Wirtschaftsgebilde ließen bald erkennen, daß man – beiderseits – den Beitritt Westdeutschlands für wünschenswert hielt. Innerhalb „Finebel“ entwickelten dabei die Holländer große Aktivität. War man im Haag vorher noch vielleicht der Meinung, es wäre besser, der sterlingbeherrschten „Uniscan“ beizutreten, so gaben Benelux-Bindungen und Deutschland-Hoffnungen doch dann den Aus schlag für „Finebel“. Die Niederlande verlangten als erste die Aufnahme von „Allemagne“ in die geplante Wirtschaftsunion, die als „Fiblan“ erst lebensfähig wäre. Man wünschte, nach dem Verlust Insulindes, eben betont „kontinentale“ Politik. Und die auf England gesetzten Hoffnungen schwanden zudem mehr und mehr. Die Niederlande kann man heute nicht mehr zum Sterlingblock rechnen.

Mit seinen zehn Millionen Einwohnern versucht Holland einerseits, die für Juli 1950 geplante Wirtschaftsunion mit Belgien/Luxemburg zu verwirklichen und sich anderseits zunehmend auf Deutschland zu orientieren. Die planwirtschaftlichen Tendenzen wichen einer liberaleren Politik. Man beteiligt sich finanziell am Auf- und Ausbau deutscher Industriewerke, aber auch an Hotels oder Kinos. Das Ziel ist deutlich.. Durch die Finanzinjektionen hoffen die Niederlande die Stellung im Außenhandel mit Insulinde zu behalten und gleichzeitig (durch den Transitverkehr) die alte Rolle Hollands als Handelsland weiterführen zu können. Das aber gelingt nur bei entsprechendem Hinterland. Deutschland soll also der Produzent für nach Insulinde bestimmte Güter werden, nachdem die eigenen Industrialisierungspläne sich zum Teil nicht realisieren ließen. – Nun ist „Finebel“ also durch „Fiblan“ gescheitert. Holland ist enttäuscht.

Aber auch in Belgien ist eine unfreundliche Reaktion gegen Frankreich zu bemerken, nachdem der italienische Außenminister Graf Sforza vor kurzem nochmals auf die Dringlichkeit der „Fiblan“ hingewiesen hatte. Frankreich sollte aber die Initiative überlassen werden. Im entscheidenden Augenblick wurde es jedoch still um „Fiblan“.

Frankreich versteifte sich gegenüber einer Aufnahme Westdeutschlands so, daß Sforzas Vorstoß in Paris kaum noch Beachtung fand (in französischen Kreisen mag hierbei die Entwicklung in der Saarfrage eine Rolle gespielt haben). Weiterhin glaubt man in Brüssel zu wissen, daß England an der von Frankreich verschlossenen Schublade mit dem „Fiblan“-Projekt nicht ganz unbeteiligt ist. Nachdenklich stimmt auch die Form der Bekanntgabe des Scheiterns der „Finebel“ in Paris, welche zwei Tage vor der Sitzung des Konsultativrates der im „Brüsseler Pakt“ vereinten Länder England, Frankreich, Niederlande, Belgien und Luxemburg erfolgte. Das Kommuniqué erwähnte die wirtschaftliche Zusammenarbeit einfach nicht.