Im Herbst dieses Jahres wenden voraussichtlich in Limburg an der Lahn in dem Garten neben dem Dom etwa fünfzig Kirchenglocken um die Ehre streiten, den schönsten Klang zu geben. Der Plan zu diesem Glockenwettstreit wurde auf einer Tagung des Beratungsausschusses für das deutsche Glockenwesen gefaßt, die kürzlich in Hamburg stattfand. Die Leiter der über zwanzig Glockengießereien, die es in den Westzonen gibt, Glockensachverständige der Kirchen (meistens Musiksachverständige), Kunsthistoriker und Physiker, die Messungen über die akustischen und Materialeigenschaften der Glocken anstellen, waren hier zusammengekommen und hatten darüber diskutiert, in welcher Weise der Klang einer Glocke von der Gestalt, der Größe und dem Material abhängt. Der Physiker mißt im Klang einer Glocke eine ganze Serie von Teiltönen, der Musiksachverständige zieht diese Teiltöne gehörmäßig zu einem sogenannten Schlagton zusammen und sagt zum Beispiel: Das ist eine a-Glocke, das eine e-Glocke.

Während des Krieges sind etwa 140 000 Glocken (nur Bronzeglocken, aus Kupfer und Zinn, meistens etwa im Verhältnis 80:20) von den Türmen in Deutschland und auch in den besetzten Gebieten heruntergeholt und zu den Kupferhütten zum Einschmelzen geschafft worden. Von den etwa 100 000, die nach Hamburg gebracht worden waren, wurden etwa 70 000 während des Krieges in der Hamburger Kupferhütte eingeschmolzen. Die ältesten und wertvollsten aber waren „zurückgestellt“ worden und lagen jahrelang im Hamburger Hafen. Im Jahre 1945 begann dann die Rückführung der noch erhaltenen Glocken an ihre ehemaligen Besitzer. Ein Teil ging zurück in die ehemals besetzten Gebiete, etwa 13 000 Glocken konnten den deutschen Gemeinden wieder zugestellt werden. Jetzt befinden sich auf dem Hamburger Lagerplatz nur noch Glocken aus den Gemeinden jenseits der Oder-Neiße-Linie. Die Ansammlung von Glocken in Hamburg machten sich die Glockensachverständigen zunutze, um umfangreiche Registrierungen der Glocken durchzuführen). Größe, Gewicht, Alter, Gießmeister, Gestalt, Verzierungen und aufgegossene Texte wurden vermerkt. Es sind Glocken dabei, die ein Alter von 700 Jahren haben. Gerade diese alten Glocken sind häufig von besonders schöner Form und gutem Klang. Es ist erstaunlich, wie die alten Glockengießermeister rein erfahrungsmäßig zu so ausgezeichneten Leistungen gekommen sind. Etwa 300 alte Glocken sind im Laufe der letzten Jahre physikalisch genau durchgemessen worden. Das umfangreiche Untersuchungsmaterial konnte erst zum Teil ausgewertet werden.

Unter Verwendung aller bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen sollen für den Glockenwettstreit zu Limburg von den Glockengießereien fünfzig Glocken für den gleichen Schlagton gegossen werden, die sich im Material und in der Gestalt völlig voneinander unterscheiden werden. Die Schiedsrichter werden dann die Glocke herausfinden, die in ihrer Klangreinheit und Nachhalldauer die beste ist. Die daraus gewonnenen Erfahrungen sollen den Glockengießereien, die für die vielen glockenlosen Gemeinden neue Glocken herstellen, zur Anregung dienen. K. M.