Von Karl N. Nicolaus

Die Begeisterung für den großenDichter William Shakespeare ist eine schöne Sache, und man soll sie in Ehren halten. So denke ich heute, aber als Sekundaner hatten wir einen anderen Standpunkt. Denn die Begeisterung eines Lehrers für einen Dichter hat seltsame Folgen: die Schüler sollen der Begeisterung teilhaftig sein und werden vielleicht in eine Materie hineingetrieben, die ihnen nicht liegt.

Shakespeare war für unseren Lehrer das Maß aller Dinge. Nicht nur, was die dramatische Kunst anging, auch für das Leben schlechthin waren ihm Shakespeares Werke eine Art Gesetz. Heute nehme ich an, daß selbst Laster, die Shakespeare in seinen Werken behandelt hatte, in den Augen dieses Lehrers an Lasterhaftigkeit verloren nur deshalb, weil die Gedanken dieses Dichters sich mit ihnen beschäftigt hatten. Damals durchschauten wir den Grad dieses Verfallenseins unseres Lehrers noch nicht so genau; es interessierten uns mehr die Effekte.

Ein solcher, für uns absolut berechenbarer Effekt war, daß wir, wenn wir von irgendeinem Thema, für das wir nicht vorbereitet waren, abkommen wollten, die bekannte Streitfrage in die Debatte warfen, ob manche Werke, die Shakespeare zugeschrieben wurden, vielleicht gar nicht vom ihm seien. Einer von uns behauptete daran, in einer Zeitung gelesen zu haben, daß wieder ein Shakespeare-Drama seinem Zeitgenossen Johnson oder, jemand anderem zugeschrieben werde.

Solche Bemerkungen lösten Lawinen aus. Unser Lehrer fühlte sich persönlich betroffen. Er hielt großartige Brandreden gegen die Narren der Textkritik, die sich-nicht auf ihr dichterisches Gefühl verlassen, das es ihnen doch sagen müßte, wie sehr alle diese Werke aus dem heißen Herzen eines Mannes kommen. Er schleuderte uns alle Tatsachen, die die Existenz des Individuums Shakespeare beweisen, ins Gesicht. Wir kannten diese Tatsachen zur Genüge. Aber es lag uns ja nur daran, von einem uns unsympathischen Thema abzulenken.

Außerdem setzte uns der starre Automatismus eines Temperaments in Erstaunen, das auf dasselbe Stichwort stets mit einer Urkraft, als handle es sich um den Erstausbruch, sich entfaltete. Der Mann veränderte sich auch körperlich vollkommen. Er legte jede Paukerwürde ruckartig ab, in seinen Augen erschien ein wilder Glanz, wie ich ihn später nur bei großen Stars im Film wiedergesehen habe, wenn sie bei hoher Gage höchste Leidenschaft demonstrieren, wobei sie – wie ich heute weiß – mit äußeren Mitteln nachhelfen, was den Glanz der Augen betrifft.

Die Stimme unseres Lehrers nahm in jenen Momenten ein Timbre an, wie es nur große Beschwören vollbringen, wenn sie die im Menschen schlummernde Anständigkeit gegen die Mächte des Unheils anrufen. Diese Ausbrüche eines großen Temperaments in einem kleinen Manne, der sonst Steine Leidenschaften kannte, war für uns ein Schauspiel, das uns immer wieder fesselte. Wir kannten die Skala der Leidenschaft noch nicht, ahnten aber, daß dieser Mann sich ein praktisches Objekt herausgesucht hatte, das es ihm ermöglichte, die Seltsamkeit der menschlichen Seele – Kirch ein fremdes Medium geläutert – zu begreifen.