Der Abstieg eines Wortes

Es ist soweit gekommen, daß Protektion ganz allgemein mit Korruption verwechselt wird. In der Vorstellungswelt der Menschen von heute bedeutet Protektion etwa: einen Unfähigen in einem Amte unterbringen, das ihm nicht zukommt. Oder: ein Mädchen begünstigen, weil es mit seiner Gunst nicht hinter dem Berge hält. Oder: einen Auftrag vermitteln an einen, der schlechte Ware liefert, aber mit irgend jemandem verwandt ist, der „etwas zu sagen hat“.

Daß man sich bei dem Worte Protektion nichts anderes mehr denkt, ist schlimm. Denn so kommt es, daß es schon „verdächtig“ erscheint, wenn ein Mensch einen anderen empfiehlt, weil jedermann sofort ein verborgenes Geschäft dahinter wittert.

Den Bedeutungswandel des Begriffs Protektion kann man an dem Abstieg des Wortes beobachten. Einst sprachen Dichter von einer „Protektion der Sterne“; das heißt: jemand schien durch die Sterne bereits in seinem Glück begünstigt. Aus diesem kosmischen Zusammenhang wanderte das Wort als technischer Begriff in die Strafakte. Wo „Protektion herrscht“ ist es von vornherein faul! So scheint es uns. Dabei ist das Leben (auch gerade der Begabten und Erfolgreichen) ohne „Protektion“ gar nicht denkbar. Allerdings nicht jene Art, die in den Strafakten figuriert. Sondern die Protektion, die daraus entsteht, daß jemand die Tüchtigkeit eines anderen erkannt hat und sich sagt: „Für den will ich etwas tun!“ Nicht jede Empfehlung ist mit Hintergedanken versehen, nicht jede Förderung hat ein Nachspiel im Zwielicht, nicht jedes Lob ist ein abgekartetes Spiel.

Da kannte ich einen alten, gütigen Herrn, dessen große Zeit vor dem ersten Weltkrieg lag, und der ein Protektor großen Stils war. Er hielt es für eine ausgesprochene Unterlassungssünde aller „Arrivierten“, wenn sie dem Nachwuchs nicht halfen, ihn nicht protegierten. Hunderten von tüchtigen Menschen hat er zu der Lebensform verholfen, die sie sonst gar nicht oder erst nach mühsamen Umwegen erreicht hätten. Es war ihm ein Herzensbedürfnis, zu empfehlen sowie er eine Begabung erkannt hatte. Da war nicht das mokante Achselzucken des Alters: „Sollen Sie sehen, wie sie durchkommen!“ Ja, dieser alte Herr ließ sich auch durch gelegentliche Enttäuschungen von Seiten derer, für die er „etwas getan“ hatte, nicht abschrecken. Hat es nicht im Leben jedes Menschen Momente gegeben, wo jemand sagte: „Gehen Sie da und da hin und berufen Sie sich auf mich!“ Und wir sind froh gewesen, daß der Betreffende so gesprochen hatte, sind seiner Aufforderung mit Herzklopfen nachgekommen. Und waren glücklich, daß die fremde Autorität uns dort Einlaß verschaffte, wo wir sonst hätten draußen herumlungern müssen. War das nicht auch Protektion?

Im übrigen ist das Problem uralt. Da gibt es einen chinesischen Bericht, der beiläufig zwei und ein halbes Jahrtausend alt ist, aus dem alle Zeiten – auch die unsere – etwas lernen können: Ein mächtiger chinesischer Fürst wandte sich an den hochedlen Ki-Huang und bat ihn, einen Mann für den Posten des Gouverneurs vorzuschlagen. Ki-Huang kam dem Wunsche nach. „Wie, ausgerechnet den schlägst du vor?“, sagte der Fürst. „Ist er nicht als dein Feind bekannt?“ „Mein Fürst“, entgegnete der hochedle Ki-Huang, „du hast mich nicht gefragt, wer mein Feind ist. Sondern du hast mich gefragt, wer genug Fähigkeit habe, den Posten gut auszufüllen!“ – Ein anderes Mal, als der hochedle Ki-Huang wieder um Rat gebeten wurde, schlug er den jungen Wu vor. Der Fürst rümpfte die Nase und sagte: „Der junge Wu ist dein Sohn. Hast du keine Bedenken, deinen Sohn vorzuschlagen?“ „Mein Fürst!“, antwortete da der hochedle Ki-Huang, „du hast mich nicht gefragt, wer meine Söhne sind, sondern du hast gefragt, wer für den Posten fähig ist.“ Und dann fügte der hochedle Ki-Huang hinzu: „Denn der Weise sieht weder davon ab, seinen Feind noch seinen Sohn zu empfehlen, wenn sie tüchtig sind...“

Wenn man bedenkt, wie viele Jahrhunderte über jenes Gespräch hinrauschten und wie aktuell es noch immer ist, hat man einen Begriff von der Stetigkeit der Probleme der menschlichen Seele.

Axel Use