Die Malerin Gabriele Münter

Anläßlich der Ausstellung der Künstler des ‚Blauen Reiter‘ im Münchener Haus der Kunst ist der Name einer Malerin nach langer Zeit des Schweigens wieder an die breite Öffentlichkeit gekommen: der Name Gabriele Münters. In dieser Ausstellung hingen eine ganze Reihe ihrer Bilder neben Werken von Klee, Kandinsky, Marc, Macke und Jawlensky, ihren alten Malerfreunden. Und – erstaunlich – ihre Bilder behielten neben diesen erdrückenden Namen eigenen Wert und persönlichen Klang. Es sind Stilleben und Landschaften, Bilder von einer dunklen, glühenden Kraft der Farbe. Eine persönlich gesehene Welt und sehr im Einklang mit der Natur.

Gabriele Münter kam als fünfundzwanzigjähriges Mädchen 1902 aus Bonn nach München und trat, mit der Absicht, ihr Kunst Studium weiterzutreiben, in eine der zahlreichen Münchener Malschulen, die ‚Phalanx-Schule‘, ein. Hier lehrte der Russe Wassilij Kandinsky. Dies Zusammentreffen war für Gabriele Münter sehr entscheidend, da Kandinsky unverzüglich die ursprüngliche, durch keine Konvention festgelegte, selbstverständliche Begabung für die Ausdruckskraft der Farbe und der Linie in ihr erkannte. Aus dem künstlerischen und menschlichen Einverständnis entwickelte sich eine langdauernde, enge Freundschaft, die bis 1914, als Kandinsky Deutschland verlassen mußte, währte. Man lebte damals in Murnau. Andere russische Maler wie Jawlensky und die Werefkin kamen dazu, und so heißt heute noch das Murnauer Haus, in dem Gabriele Münter wohnt, im Volksmund die "Russenvilla". Weite Reisen mit Kandinsky nach Frankreich und der Schweiz, nach Holland und Nordafrika führten doch wieder zur Russenvilla zurück. Denn hier gab es kleine, urwüchsige, primitive Dinge, die die Empfindung Gabriele Münters mehr ansprachen als die "hohe" Kunst – bemalte Bauernschränke, die bayrischen Hinterglasbilder vor allem. Und im Umgang mit diesen kraftvollen Dingen, im liebevollen Betrachten ihrer groß-vereinfachten Zeichnung, der leuchtenden Farben und der ausdrucksstarken Umrisse fand Gabriele Münter ihren Stil. Sie lernte die Welt unter diesen Ausdruckszeichen sehen und mit diesen Ausdrucksmitteln gestalten. Sie blieb dabei der Schönheit der sichtbaren Welt ganz offen, vertiefte diese nur in ihrer Weise, löste sie heraus und machte sich ihre eigene Ergriffenheit deutlich. Und so kam es wohl, daß sie inmitten dieses Wirbelsturmes erregter Genies, die über der Welt des Sichtbaren eine neue Ausdruckswelt errichteten, ganz einfach sie selbst blieb, eine junge Frau, die die Welt nach ihrem Bilde sah. Während Kandinsky sein Gefühl in ungegenständliche Form- und Farbklänge instrumentierte, während Franz Marc die Hoheit von Farbe und Form in feierlichen Bildzeichen aufrichtete, während ihre Malerfreunde also die sichtbare Welt immer mehr in ein Gespinst farbiger Formen von hohem persönlichem Gleichniswert verwandelten, beharrte Gabriele Münter still bei der Natur. Sie empfand eine Landschaft, eine Blume, einen Gegenstand plötzlich mit großer Dringlichkeit, und dann malte sie es – das Ding und ihre Empfindung.

So blieb es immer. Während des ersten Krieges lebte sie in Skandinavien, reiste dann in Deutschland und Frankreich; aber dieses ihr naives Erlebnisvermögen, dies unreflektierte Seinsgefühl blieb ihr vor jedem Motiv und in jeder Umwelt. Bis heute blieb ihre Kunst ganz unwandelbar. Eine Kunst, die nicht im Mittelpunkt unserer modernen Welt und ihrer Kunstbestrebungen steht und auch nie stand; eine Kunst wie das einfache Lied eines Menschen, der eine ihn besonders ergreifende Schönheit immer wieder und eigenwillig besingt; eine Kunst aus dem kraftvollen, freudigen Einverständnis mit der Welt, die den geheimen Punkt der Ergriffenheit in uns zu treffen versteht. Werner Haftmann