Auf Fürstenthronen und in der Nähe von Monarchen oder von Männern in machtvollen Stellungen haben Frauen von Beginn der Menschheitsgeschichte an direkten und indirekten Einfluß auf das öffentliche Leben gehabt. Die Masse ihrer Artgenossinnen blieb aber durch die Jahrhunderte ohne politische Rechte und dem Primat des Mannes unterworfen. Die französische Revolution erweckte dann für die Frauen Hoffnungen auf Beseitigung der staatsrechtlichen Ungleichheit. Der nun folgende Siegeszug des demokratischen Gedankens im 19. Jahrhundert lockerte die Fesseln des Frauenstandes nach und nach. Aber nicht nur die politische Entwicklung war der Grund hierzu. Die Industrialisierung der Kulturstaaten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts stellte Frauen in immer größerer Zahl neben den Mann als voll leistungsfähige Arbeitskameradinnen, die jetzt auch gleiche Rechte fordern konnten. Der endgültige Sieg, die Gleichstellung vor dem Gesetz, die Zulassung zu allen Berufen und das Zugeständnis des aktiven und passiven Wahlrechtes, der heute vielerorts Wirklichkeit wurde, ist jedoch nicht nur der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung, sondern ganz besonders einzelnen überragenden Frauen zu verdanken, die durch ihre Leistungen und ihr Beispiel Vorurteile und überkommene Schranken überwanden.

Unter den deutschen Frauen, die diesen Ruhm für sich in Anspruch nehmen können, steht Hedwig Heyl in vorderster Reihe. Vor 100 Jahren, am 5. Mai 1850, wurde sie als Tochter des Mitbegründers und ersten Direktors des Norddeutschen Lloyd, Eduard Crüsemann, in Bremen geboren. Nicht nur der Vater, ein Mann besonderer Fähigkeiten, und seine Frau, eine sehr umsichtige, kenntnisreiche Hausfrau und Mutter, hatten auf die Entwicklung des begabten Kindes Einfluß. Zum Abschluß ihrer Bildungsjahre wurde sie Henriette Breymann, einer Nichte und Schülerin des großen Menschenfreundes Friedrich Fröbel, anvertraut. Sie hat später neben Hedwig Heyl, als Frau Schaper, in der sozialen Frauenbewegung eine große Rolle gespielt. Hedwig Crüsemann fand, noch nicht 19jährig, in Georg Heyl, einem Berliner Farben-Fabrikanten, einen Ehepartner, der nicht nur das Ideal eines Gatten war, sondern der auch mit einem in jener Zeit für einen Fabrikherren ungewöhnlichen sozialen Verständnis die Entwicklung der volksbildenden und notlindernden Bestrebungen seiner jungen Frau förderte und unterstützte.

In der Heyischen Farbenfabrik macht Hedwig Heyl die ersten Versuche sozialer Hilfe für ihre Belegschaft. In der eigenen Wohnung richtet sie nach Fröbelschen Ideen einen Kindergarten für die nicht schulpflichtigen Arbeiterkinder ein. 1873 wird anläßlich des 50jährigen Firmenjubiläums ein Knabenheim für die Schulknaben der Werksangehörigen am Salzufer in Charlottenburg eröffnet. Angeregt durch die Mitarbeit im Elisabeth-Verein (Wöchnerinnen-Betreuung), greift die junge Frau zur Feder und schreibt das Heft „Säuglingspflege“, das für viele Mütter eine sehr nützliche Hilfe wird. Als auf einer Hygiene-Ausstellung ein Brausebad für Arbeiter gezeigt wird, willfahrt ihr Mann ihrer Bitte, ein solches, als erstes in Deutschland, in seinem Betrieb einbauen zu lassen.

Als in dem von Henriette Schrader-Breymann gegründeten und geleiteten Pestalozzi-Fröbel-Haus die hauswirtschaftliche Schulung aufgenommen werden soll, wird Hedwig Heyl gebeten, die Grundlagen hierfür zu schaffen und die Leitung zu übernehmen. Da sich in Deutschland, Frankreich und England brauchbare Lehrbücher für diesen Zweck nicht finden, schreibt Hedwig Heyl, nach eingehendem Studium der Volkswirtschaftslehre, der Biologie, der Chemie, der Ernährungslehre und der Hygiene das „ABC der Küche“. Es wird das Standardwerk nicht nur für Schulen und Frauen, sondern auch für das gastronomische Gewerbe und die Krankenhäuser. Auch heute noch wirklichkeitsnahe, wird es jetzt nach fast 70 Jahren in Neuauflage erscheinen.

Selbst als ihr Mann in London am Typhus stirbt und die Übernahme der Leitung des Fabrikunternehmens für sie eine fast untragbare Belastung ist, zieht Hedwig Heyl sich nicht von der Arbeit zur Besserung der sozialen Zustände und vor allem zur Fortbildung und Berufsförde rung der Frauen zurück. Als im Jahre 190 der Internationale Frauenkongreß in Berlin ab gehalten wird, wird die Organisation der Veranstaltung in ihre Hände gelegt. Die deutsch. Öffentlichkeit, bisher immer noch stark zurück haltend, ist von der imposanten Kundgebung de Frauenfortschritts auf der ganzen Erde stark beeindruckt. Um die gewonnenen Verbindungen nicht wieder abreißen zu lassen, gründet Hedwig Heyl mit Ellen von Siemens-Helmholtz, unte Schirmherrschaft von Carmen Sylva, den deut schen Lyzeum-Club. Er schlägt 1909 durch ein. Internationale Volkskunst-Ausstellung vielver sprechende Brücken ins Ausland.

Im Kriege 1914–18 sicherte sich die Stad Berlin sofort das Organisationstalent und die überragenden Kenntnisse dieser Frau in allen Er nährungs- und Fürsorgefragen. Als im Jahre 1911 die Frauen das aktive und passive Wahlrech erlangten, wird die fast Siebzigjährige in da Charlottenburger Stadtparlament gewählt. Die alte Volksmutter, wie sie genannt wird, bleib aber nicht lange Vertreterin des Volkes. Als sie nach einer Stadtverordnetensitzung von radi kalen Elementen, die sie gar nicht kennen, tätlid angegriffen wird, legt sie nicht nur ihr Mandat sondern, auch körperlich erschöpft, alle ihn anderen Ämter in jüngere Hände. Ein schöne Abschluß ist danach für sie die Verleihung de medizinischen Ehren-Doktorwürde durch die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität anläßlid ihres 70. Geburtstages. Vierzehn Jahre könnte diese seltene Frau aber doch noch ihren An gehörigen und ihren zahllosen Schülerinnen um Verehrerinnen mit ihrem reichen Wissens- um Erfahrungsschatz eine warmherzige Beraterin sein, bis sie im Januar 1934 starb.

„Immer sind begeisterte Menschen die Träge zukünftiger Entwicklungen“, dieses Wort vor Hedwig Heyl ist an ihr, die vor 100 Jahren geboren wurde, wahr geworden. Sie wollte niemal den Mann ersetzen, sondern der Frau durch Leistungen das Recht erkämpfen, im Rahmen ihrer Fähigkeiten und Anlagen gleichberechtig mit ihm das Leben zu gestalten. Die heutige Generation hat die wichtige Aufgabe noch nicht gelöst, zu verhindern, daß die Gleichheit ohn< Rücksicht auf die physischen und psychischer Grundlagen der Frauen übertrieben oder falsch genutzt wird. A. F. v. O.