Düsseldorf, Ende April

Die Berührung mit der uns lange versperrten amerikanischen Bühnenliteratur hat nach dem Kriege zu einem merkwürdigen Ergebnis geführt, Durch unsere Öffnung für das Welttheater glaubten wir, „nachzuholen“, begegneten aber guten, alten Bekannten. Das gilt zwar weniger von den Namen der Autoren und ihren dramaturgischen Methoden. Doch die geistige Substanz, die Problematik in den amerikanischen Stücken – das alles hatte sich, die europäische Literatur bereits an den Sohlen abgelaufen. Die Psychologie des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Psychoanalyse, die soziale Reportage in realistischer Manier, wie sie der deutsche Naturalismus vorgebildet hat, und der tiefe Kulturpessimismus, der sich gegen die entmenschte Zivilisation eines hochtechnisierten, in Überproduktion erstickenden Landes wendet – das sind die Hauptthemen der ernsthaften unter den amerikanischen Autoren. Wir können das nur noch zur Kenntnis nehmen und uns angesichts der weltpolitischen Position Amerikas unsere eigenen Gedanken darüber machen. Wir bleiben aber darauf angewiesen, geistiges Neuland selbst zu suchen. Anziehend wirkt trotz allem die schonungslose Ehrlichkeit Und die am amerikanischen Roman erzogene Wirklichkeitsnahe der meisten von drüben kommenden Bühnenstücke. Daß ihre auf den Alltag gegründete Nüchternheit durch die bühnenwirkliche Konfrontierung mit den verdeckten Mächten des Unterbewußten gelegentlich dichterischen Rang erreicht, daß durch den freien Umgang mit der dramatischen Form oft eine bestürzende Tiefenperspektive des Alltags auftaucht, das sind ästhetische Erkenntnisse, die wir gern verbuchen.

Mit diesem Resümee aus der Begegnung mit einer großen Zahl amerikanischer Stücke ist im Grunde auch die Position des Autors Arthur Miller umrissen. Sein „Tod eines Handlungsreisenden“, der in Ferdinand Bruckners Fassung für Deutschland gleichzeitig in Düsseldorf und München herausgebracht wurde, ist durch geistigen Ernst und literarische Formung eins der stärksten aus Amerika importierten Dramen. Es behandelt das Leben des kleinen Mannes, der sich wiele Jahre lang als Reisender für dieselbe Firma abrackert, um die Abzahlungsraten für sein ‚eigenes Haus und dessen Inventar aufzubringen. Zwischen den Zahlungsterminen dieser Scheinfreiheit mit Eigentumsvorbehalt erfüllt sich sein Leben für die Familie. Als er nun die Sechzig überschritten hat, muß er einsehen, daß in einer Sozialordnung des Eigennutzes der alte Mensch Schrott ist. Er wird entlassen und dem Elend preisgegeben. Neben dem sozialen richtet der Autor einen individualpsychologischen. Spannungskomplex auf in der Haßliebe zwischen dem Vater und einem seiner zwei Söhne. Unter der kleinbürgerlichen Kruste ist nämlich auch im Vater der Drang nach Weite, Freiheit und Abenteuer keineswegs erloschen. In kleinen, peripheren Fehltritten, in der immer wiederkehrenden, auch personifizierten Erinnerung an die verpaßte große Chance seines Lebens zeichnet sich die Tragödie des Mittelmaßes oder (wenn man so will) des tapferen Anstandes ab, der mit einem Blick auf die Familie resigniert. Während der durch den Vater enttäuschte Sohn aus ungebundenen Freiheitsdrang auf die schiefe Bahn gerät, vollbringt der Alte das letzte Opfer für die Seinen, das zugleich eine Anklage gegen die Gesellschaftsordnung des reichsten Landes ist: Selbstmord durch einen Autounfall um der Versicherungssumme willen.

In Düsseldorf gelang Ulrich Erfurth eine nahezu vollkommene Inszenierung. In einem Röntgenbilde der Serienwohnung des Babbitt von Herta Böhm gab die Regie der eindringlich profilierten und als Ensemble abgetönten Darstellung die klare Härte amerikanischer Wirklichkeit, fing die im Hintergrunde lauernde Sentimentalität geschmackvoll ab und erzeugte mit der realistischen Durchdringung von Szenen des Alltags mit Szenen der Bewußtseinsspaltung eine gültige Anschauung dieser „alltäglichen Geschichte in zwei Akten und einem Requiem“. Rudolf Therkatz und Gerda Maurus, beide in Düsseldorf zu subtilen Charakterdarstellern von bedeutendem Rang gereift, verkörperten erschütternd die Sechzigjährigen Wolfgang Wahl und Peer Schmidt in lebendiger Differenzierung die Söhne. Obwohl das Publikum angesichts der zunehmenden Darbietung gegenwartsnaher Stücke auf Gründgens’ Erfolgsbühnen mit seinem Erscheinen zögerte, war es von der Aufführung dann völlig gebannt und bereitete der Premiere einen starken Erfolg.

Johannes Jacobi