Um einmal, entgegen der üblichen Folge, mit dem Käse zu beginnen: da schreibt Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen, er habe, noch als Premierleutnant, zum Abendessen gewöhnlich einen Mainzer Handkäse gehabt, und dazu eine Flasche Bier getrunken ... Und der alte Graf Brühl, dem die Standesherrschaft Forst und Pforten gehörte, der also einer der heute schon legendär gewordenen Latifundienbesitzer im kaiserlichen Deutschland war, aß an rund 300 Tagen im Jahr das Nationalgericht seiner Lausitzer Heimat zu Abend: Quark, mit Leinöl und Zwiebeln angemacht, und dazu Pellkartoffeln.

Nun wäre es töricht, heute einen solchen Lebensstandard, wie er vor 50 Jahren als „bescheiden“, vor 100 Jahren noch als „gehoben“ galt, etwa allgemein empfehlen zu wollen, oder ihn gar moralisierenderweise den Einkommensbeziehern der „unteren Stufen“ als Muster hinzustellen. Aber immerhin ist soviel sicher: daß es keine Absatzschwierigkeiten für Magermilch und die „billigen“ Käsesorten (wie auch für Heringe, Roggenbrot und manche anderen wohlfeilen Lebensmittel) zu geben brauchte, wenn die Hausfrauen rationeller einzukaufen verständen, und wenn sie mehr Phantasie bei der Aufstellung ihres Küchenzettels enwickelten...

Die Angelegenheit hat eine soziale und eine marktpolitische Seite. Vom sozialen Standpunkt aus gesehen ist es keine kleine Sache, wenn es gelingt, im Haushalt durch eine rationellere Einkaufs- und Küchenpolitik mit dem in der Lohntüte enthaltenen (oder als Unterstützungsrente ausgezählten) Betrag „weiter-zu-kommen“ – wie man früher sagte: „aus der Mark einen Taler zu machen“ – also das Realeinkommen zu steigern, ohne daß dabei das Gefühl einer sozialen Deklassierung aufkommt, wie es sich etwa mit dem Einkauf von Freibankfleisch (auch – unverständlicherweise selbst heute noch – von Pferdefleisch) verknüpft, Die Nasen der Nachbarn, aber auch die der eigenen Kinder, sind eben ungemein empfindlich ...

Dabei wäre es aber verfehlt, wenn man versuchen wollte, den Hausfrauen bürokratischer- und obrigkeitlicherweise das rationelle Einkaufen und Verwerten nahezubringen. Mit „Nachwuchsschulung“ insbesondere ist da nichts zu gewinnen. Die einzig richtige Instanz für solche Aufgaben wären tatsächlich die Gewerkschaften, wie das Georg Kessel einmal, wohl als erster, gesagt hat (in der „Wilhelmshavener Zeitung“, unter der Überschrift „Einkaufen lernen“). Damit hätten die Gewerkschaften auch, was ihnen heute völlig fehlt, einen Kontakt zu den Familien ihrer Mitglieder – zu den Frauen, deren Beziehung zu diesen „Männerbünden“ sich sonst gewöhnlich darin erschöpft, daß sie über die Höhe der Verbandsbeiträge klagen.

Was derart durch gewerkschaftliche Selbsthilfe für den Einzelhaushalt geschehen sollte – und zugleich zugunsten der Landwirtschaft, um die Agrarmärkte von einem zeitweiligen Überangebot zu entlasten – das versucht, für die „großen Töpfe“ der Gemeinschaftsverpflegung, jetzt schon die Zeitschrift „Das Großküchen-Magazin“ (Verlag Haas, Mannheim) praktisch durchzuführen, durch eine ständige Beratung, wie man jeweils gut und billig einkaufen und dabei gut und abwechslungsreich kochen kann. Wären die Organisationen der Landwirtschaft gut beraten, so würden sie sich hier wie da, bei der Beratung der Einzel- wie der Gemeinschaftshaushalte, aktiv einschalten. Aber die Indolenz der Verbände ist höchstens noch durch die Ideenarmut der Verwaltung zu übertreffen. Die Diskussion geht seit Monaten; seitdem die beliebten Themen „Preisschere“ und „Abbau des Bewirtschaftungs- und Preiszwangs“ hinfällig geworden sind, nur noch um die Marktordnung oder Marktregelung, die der Staat verordnen, die aber dann als Selbstverwaltungsaufgabe durchgeführt werden soll; als wichtigstes Instrumen: dieser Marktordnung oder -regelung aber wird die „Einfuhrschleuse“ angesehen. Die Dinge werden so dargestellt, als ob Absatzschwierigkeiten nur durch das „Hereinströmen“ ausländischer Ware bedingt sein könnten, und nicht vielleicht auch durch Unternachfrage und inländisches Überangebot; geflissentlich wird auch verschwiegen, daß es nur die überhöhten Inlandspreise sind, die das Auslandsangebot hereinziehen.

Da gibt es also eine Käseschwemme. Das Rezept aber ist nicht Preisabbau, nicht Qualitätsproduktion, sondern Valorisation, mit staatlichen Mitteln, notfalls durch Auszahlung der Erwerbslosenunterstützung in naturalem Käse, wenigstens in den Käsegauen. Es gibt ferner eine Magermilchschwemme: niemand redet den Hausfrauen zu, es mit neuen Rezepten für Quarkspeisen zu versuchen. Bei der Konserveniidustrie drohen die Schwarzblechbüchsen aus 1948 und 1949 jetzt zu platzen, weil die Werke an den Gemüsemärkten ohne rechtes Augenmaß „preisstützend“ gekauft haben; von Rechts wegen müßten die Preise da ebenso herunter, wie die für Feinfrostgemüse schon gesenkt worden sind. Dies aber interessiert die Bauernverbände kaum; sie glauben an die Allmacht des Staates, der schon intervenieren wird. Noch weniger kümmern sich die landwirtschaftlichen Organisationen um die Roggenwerbung, die eigentlich lauten sollte: „Eßt mehr Roggenbrot“, die aber von der in ihrer Phantasiearmut kaum noch zu übertreffenden Bürokratie des Lurgi-Hauses als Werbung für „das“ Brot schlechthin gestartet wird. Wenn die Bäcker da nicht mittun, die ja mit der „weißen Ware“ gute Geschäfte machen, so ist das nicht weiter verwunderlich. Aber auch die Indolenz der Bauernvereine hat ihr: guten Gründe: was an Roggen letzter Ernte nicht absetzbar ist, das lagern ja die Länder auf eigene Kosten ein!

Die Valorisation wird bei uns vielfach als Allheilmittel angesehen, nach bewährtem USA-Muster. Aber was eine reiche Firma sich vorübergehend leisten kann, das ist noch längst kein Dauerrezept für arme Leute. Es wird zwar viel von der Möglichkeit gesprochen, Stützungskäufe in Zeiten des Überangebots durchzuführen, aber nie von der Notwendigkeit, die Valorisationsbestände einmal zu liquidieren. Das ist also, gleichsam in spiegelbildlicher Umkehrung dasselbe Dilemma, wie es Scheffel besingt: