Von Paul Hühnerfeld

Mit der Zeit wurde unser Drang, für das Ideal zu kämpfen, zu einer blinden Besessenheit, die mit verhängten Zügeln weit über unsere Zweifel hinwegstürmte. (T. E. Lawrence)

Howard Becker, ein amerikanischer Professor, hat ein Buch über die deutsche Jugendbewegung geschrieben. „Vom Barette schwankt die Feder“ nennt der Gelehrte aus Wisconsin, ehemals Assistent des deutschen Soziologen Leopold von Wiese und des Philosophen Max Scheler, Angehöriger mehrere deutscher Jugendgruppen in den zwanziger Jahren, sein mit tiefer Sachkenntnis und echter Erschütterung über das Schicksal der deutschen Jugend geschriebenes Werk (in deutscher Sprache erschienen im Verlag „Der Greif“ Wiesbaden). Dramatisch ziehen in den einzelnen Kapiteln die Etappen eines Weges vorbei, den die Jugend Deutschlands seit der Jahrhundertwende beschritten hat. Becker zeigt, wie er in berechtigter Empörung gegen Landflucht, engstirnige Konvention und Duckmäusertum beginnt, wie er verzweifelt zur Echtheit durchstoßen will und sich doch gleich wieder auf pseudoromantische Kategorien stützt: auf den unseligen Mythos „vom Lindenbaum“, an das Gerede von der „guten alten Zeit“. Dieser Weg führt immer mehr ins Verschwommene, ins ganz und gar Nebulose, da, wo man „jugendbewegt“ ist um der Jugendbewegung willep. Aber Becker hat noch mehr gesehen: er zeigt, wie die deutsche Jugendbewegung abgelöst wird durch die Hitler-Jugend. Er geht auch diesem Weg nach bis zum bitteren Ende. Und doch wagt er nicht das Fazit seines eigenen Buches auszusprechen: daß die Hitler-Jugend eine notwendige Folge und Überwindung der Jugendbewegung gewesen ist.

Die Hitler-Jugend wird 1925 durch Kurt Gruber in Plauen im Vogtland gegründet. Gruber legt Wert darauf, den sozialistischen Charakter seiner Gruppe zu betonen; die ersten Angehörigen der damaligen Hitler-Jugend sind Kleinbürger- und Arbeiterkinder – das hat die neugegründete Jugendbewegung mit den schon bestehenden Jugendorganisation der KPD und SPD gemeinsam. Mit dieser deutschen Jugend der zwanziger Jahre geschieht – vom Blickpunkt der Jugendbewegung aus betrachtet – etwas ganz und gar Unverständliches: Die Kategorien, durch die sie bestimmt wird, verlegen sich vom Romantischen fort in die politische Realität. Das Abenteuer, das ein Angehöriger der kommunistischen Jugend oder der Hitler-Jugend zu bestehen hat, ist nun nicht mehr der geheimnisvolle Wald und das darin brennende feindliche Lagerfeuer, sondern das nächtliche Wahlzettelkleben im feindlichen Viertel der Großstadt. Die neue Wirklichkeit ist hart: in ihr gibt es Saalschlachten und nächtliche Schlägereien, Verletzte und Tote; und die Ideale, für die man kämpft, sind jetzt Freiheit und Brot. Führer dieser Jugend werden die Verwegensten; Draufgänger, die sich vor Tod und Teufel nicht fürchten, mit einer fanatischen Treue im Herzen und einer gehörigen Portion Blindheit im Kopf. In den sozialistischen Jugendgruppen spielt der „höhere Schüler“ (der fast alleiniger Träger der Jugendbewegung war) keine Rolle mehr. So schildert der Verfasser des „Hitlerjungen Quex“ einen Hitlerjungen, der „Latein und Griechisch“ aufgeben will, weil er endlich sein „Blut spüren möchte“. Der höhere Schüler wird den anderen Mitgliedern geradezu suspekt. Seine Eltern haben meistens Geld, er hungert nicht, und das genügt, ihn in den Augen der übrigen herabzusetzen. Wo die „Bündische Jugend“ noch einmal auftaucht, wird sie von diesen Jugendgruppen verlacht. Denn ihre romantische Welt ist zerschlagen worden von Jungen und Mädchen, die nicht mehr aus den Großstädten fliehen, sondern sie erobern wollen.

Freilich geschieht der Abbruch nicht radikal. Die sozialistischen Jugendgruppen übernehmen von der Jugendbewegung die „Fahrt“ und das Singen von Volksliedern am Lagerfeuer. Aber gerade diese beiden Dinge sind nun nicht mehr Selbstzweck, sondern sinken zur Erholung herab, nach der man gestärkt in die Großstadt zurückfährt, um den Kampf wiederaufzunehmen. Den engsten Kontakt mit der Jugendbewegung scheint die sozialistische Jugend noch durch das Ideal der Freiheit zu haben. Und doch: wie wenig hat das, was beispielsweise ein Hitler junge der „Kampfzeit“ unter Freiheit versteht, mit dem zu tun, was ein Wandervogel einmal damit meinte: dem war die Freiheit Losgelöstsein von einer als zu eng erkannten bürgerlichen Konvention; dem Hitler jungen wird sie soziale Freiheit, will sagen: Niederreißung der Klassenunterschiede, gleiches Recht für alle auf Arbeit und Lebensunterhalt. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es keine Verständigung mehr. Die sozialistischen Jugendorganisationen werden nun uniformiert und organisiert. Das bedeutet, daß der einzelne Jugendliche zu jeder Zeit (und nicht etwa nur in den Ferien) in Anspruch genommen wird. Schule und Elternhaus verlieren damit ihren Einfluß in einem in der Jugendbewegung niemals möglichen Ausmaße. In dieser Situation, da die Besessenheit die Jungen- und Mädchenherzen zu regieren beginnt, werden von klugen Parteileitungen die „Märtyrer“ gemacht: für die Hitler-Jugend wird es Herbert Norkus aus Berlin-Moabit, ein kleiner, bescheidener Fünfzehnjähriger, der in einer nächtlichen Schlacht mit einer kommunistischen Klebekolonne so unglücklich am Kopf getroffen wird, daß er in einem Hausflur verblutet. Von nun an werden Tausende von Hitlerjungen der mit „seinem Blut geweihten Fahne“ ohne jede Besinnung folgen und auf den Kundgebungen wie ein Mann auf den Ruf ihrer Führer „Herbert Norkus“ – „hier“ rufen.

Es gab viele „alte Hitlerjugendführer“, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit der weiteren Entwicklung nicht einverstanden waren. Sie fanden, der „alte Kampfgeist“ sei verlorengegangen. In Wirklichkeit geschah folgendes: Die Hitler-Jugend, die schon kurz nach 1933 alle anderen Jugendgruppen in sich aufsaugte, verriet den Sozialismus (mit dem es freilich ihre Partei niemals ernst gemeint hatte). Sie kehrte in vielem wieder zur alten Jugendbewegung zurück, deren Ideale nun mit nazistischer Rassentheorie und Ideologie durchsetzt wurden. Morgenfeiern und Sonnwendfeiern sind sichtbarer Ausdruck ehemals harmloser, jetzt aber ins grotesk „Germanische“ aufgepulverter romantischjugendbewegter Inhalte. Nun, da jeder satt wird, geht es nicht mehr um Freiheit und Brot (ebensowenig wie es heute der kommunistischen Jugend in der Ostzone darum geht). Es geht um die politische Macht. Nach der Eroberung der Stadt und des Landes kommt die Welt. Aber die Welt erobert nicht mehr Herbert Norkus. Die Welt erobert der Soldat. Das ist für die Hitler-Jugend das Ende.

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