Hamburg begeht am 6. Mai seinen Übersee-Tag auf dem, neben Bürgermeister Brauer und seinem Amtsvorgänger Rudolf H. Petersen, als Gäste von außerhalb Vizekanzler Blücher und der Hohe Kommissar François-Poncet sprechen werden, Das ist, für den ersten Start, ein ausgezeichnetes Team – und tatsächlich handelt es sich ja, was außerhalb Hamburgs kaum bekannt sein dürfte, um ein neues Beginnen. Also: nicht um die Fortführung einer alten, sondern um den Beginn einer neuen Tradition.

Das Wort „Übersee-Tag“, trefflich gewählt, klingt freilich unseren Ohren so vertraut, daß wir das Neue daran gar nicht wahrnehmen. Und tatsächlich hat es auch, vor geraumer Zeit, schon einmal etwas Ähnliches gegeben: Die „Übersee-Woche“ von 1922 nämlich. Damals ist auch der „Übersee-Club“ entstanden, gedacht als eine Arbeitsgemeinschaft aller Inlands- und Auslandsdeutschen, die sich um eine weltwirtschaftliche Orientierung, um eine weltoffene Politik bemühten. Der Klub, der 1934 dann der Auflösung verfiel, ist Mitte 1948 neu ins Leben getreten, Trotz des Handikaps der „leeren Kassen“ – die Wiederbegründung fiel nämlich auf den Tag der Währungsreform – ist er gut gediehen, wie eine Reihe von gut vorbereiteten Vortragsveranstaltungen zeigte, und wie es sich in der schnell wachsenden Mitgliederzahl dokumentierte. Auch fand er sehr bald schon, in zentraler Lage am Jungfernstieg, ein eigenes Heim, das die Ansprüche erfüllt, die der Hamburger Kaufmann nun einmal an den äußeren Rahmen stellt: „Etwas Gediegenes muß es ja wohl sein.“

Weniger in der Öffentlichkeit bekanntgeworden ist, was der Klub sonst noch geleistet hat. Nämlich einmal in der Förderung der Landeskundlichen Arbeiten, gemeinsam mit der Universität, und dann als eine Art Pflegemutter der „Ländervereine“, die – eine hamburgisch-bremensische Spezialität – an kulturellen und geschäftlichen Beziehungen zu bestimmten Ländergruppen interessierten Kreise zusammenzuführen. Da sind also, unsern Lesern bereits bekannt, der Ostasiatische Verein und der Ibero-Amerikanische Verein, aus dem „alten“ Ibero-Amerikanischen Institut heraus erwachsen. Da ist ferner der Afrika-Verein, dessen erfreulich positiv, ja sogar in mancher Beziehung optimistisch gehaltener Jahresbericht („Die Afrika-Wirtschaft 1949“) eben erst lebhafte Beachtung gefunden hat. Gleich nach dem Übersee-Tag wird als weiteres Glied dieser weltumspannenden Kette, unter Leitung des Reeders Ernst Godeffroy, der Nah- und Mittelost-Verein gegründet werden: Eine Wiederbelebung des (seit 1934 in Berlin angesessenen) Deutschen Orient-Vereins. Ein Skandinavien-Verein oder etwa Nordamerika-Verein könnte dann als nächster folgen – wie jede seiner Schwester-Organisationen bemüht um Aufklärung über die Wirtschaftsverhältnisse hier und „drüben“, um Information und Beratung seiner Mitglieder, um Hilfsstellung bei handelsvertraglichen Besprechungen, aber auch um die Betreuung der aus den jeweiligen Ländergruppen zu uns kommenden Gäste.

Soviel also zum Thema der Ländervereine, für die der Übersee-Club weniger eine „Dachorganisation“ sein will (was schon ein wenig bürokratisch-überheblich und nach Überorganisation klingen würde), als vielmehr ein gemeinsamer Treffpunkt und eine zentrale Stelle des Erfahrung;- und Gedankenaustauschs. Zum kommenden Übersee-Tag schließlich ist noch zu sagen, daß er hier alles vereinen wird, was im Bundesgebiet in Sachen Außenhandel mitzuwirken und mitzaberaten hat. Als Gäste sind geladen die Bundesminister Prof. Erhard und Dr. Seebohm, die Wirtschaftsminister der Länder, die Bürgermeister aller Hafenstädte und die Präsidenten der Industrie- und Handelskammern. Die Einladungen sind vom Übersee-Club aus ergangen, gemeinsam mit dem Ausschuß zur Förderung der Überseewirtschaft der Weltwirtschaftlichen Gesellschaft und den Ländervereinen.

Es bleibt letztlich zu erklären, wie es dazu gekommen ist, daß als Termin für den künftig alljährlich abzuhaltenden Übersee-Tag der 7. Mai (oder aber, wenn dies, wie heuer, ein Sonntag ist, der Vortag, also der 6. Mai) „ein für allemal“ gewählt worden ist. Das führt zurück in die Historie, in das Jahr 1189, als Friedrich I. Barbarossa seine und des Reiches Zustimmung zu der Gründung der hamburgischen Neustadt gab, die Graf Adolf III. von Schauenburg („Graf von Wagien-Holstein-Storman, Wirad von Boizenburg‘) neben der erzbischöflichen Altstadt aufzuholen begonnen hatte: In einem kaiserlichen Freibrief, der Stadt und Hafen jene Privilegien gab, mit denen ihre Vormachtstellung an der Unterelbe stabilisiert war: „ein für allemal“. So knüpft also der Übersee-Club an die Zeiten der Stadiwerdung und Hafengründung an – alte Tradition wahrend und lebendig erhaltend, neue Traktionen schaffend. –o–