Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang Mai

Um die Siegessäule im Berliner Tiergarten war ein breites schwarz-goldenes Band geschlungen. Nicht mehr der Nachkriegs-Streit, ob Trikolore oder Rot, galt für den 1. Mai 1950 in Berlin. Es war, im wieder jungen Tiergarten, inmitten der ersten zarten Baumpflanzungen, zwischen den Ruinen der Kroll-Oper und des Reichstags, eine, wohl die deutsche Kundgebung. Schön war der Tag, voll Sonne und wirklichem Frühling. Und eine kleine Brise ließ die Fahnen nach Osten, über das Brandenburger Tor hinweg, ließ auch die zwölf roten Fahnen ostwärts wehen, die am Tage vorher auf das Tor links und rechts neben die sowjetische Herrschaftsflagge gesetzt worden waren.

Das Gelände im Tiergarten hatte sich vom frühen Maimorgen bis zur zehnten Stunde mit Menschen gefüllt, die vom Potsdamer Platz, vom Bahnhof Tiergarten, vom Knie und auf Umwegen aus dem Ostsektor gekommen waren. Berlin ist zwar in Kundgebungen trainiert, doch seit der Freiheits-Demonstration vom September 1948 hat es keine andere von gleich großer Bedeutung gesehen. Maitag war es, und so ragten aus der Menschenmasse, die eine halbe Million Köpfe weit überstieg, hie und da Plakate, Transparente auf, die an noch zu erringende Ziele gemahnten. Doch über der breiten Wand der Kroll-Oper stand die alarmierende Parole des Tages von 1950: „Frieden in Freiheit“.

Volksversammlungen kann man nicht machen: Am Berliner Maimorgen war es das Volk von Berlin selbst, das zu bezeugen wünschte, daß von den vielen Verwandlungen des Maitages dieser Ruf nach Freiheit, nach der Freiheit des Einzelnen und der Völker, seine Existenzfrage bedeute. Denn im Tiergarten jubelten die Hunderttausende anhaltend und stürmisch, als – eine nach der anderen – die Fahnen Thüringens, Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Mecklenburgs mitten aus der Menschenmasse, schwarzumflort, aufstiegen und der Gruß der Kundgebung an die 18 Millionen Menschen dieser vergewaltigten deutschen Länder über ihre Köpfe hinwegbrauste. Sie erneuerten diese leidenschaftliche Zustimmung, als daneben die Flaggen der Länder hinter der Oder-Neiße-Linie, die Flaggen Schlesiens, Pommerns und Ostpreußens aufgezogen wurden. Und ihre Akklamation wurde zur Demonstration, als der Oberbürgermeister Reuter vor sich auf die rote Fahne der Besatzungsmacht in der Mitte des Brandenburger Tors hinzeigte mit dem Satz: „Eines Tages werden wir diese Fahnen durch unsere Fahne, die Fahne, der Deutschen Bundesrepublik, ersetzen!“

Zwischen dem Redenden, und der Reichstagsruine an der das riesige Menschenfeld endete, stand, wie immer, sonnenüberglänzt, das weiße sowjetische Kriegermal. Mit der Maschinenpistole im Anschlag wachten die sowjetischen Posten, in Feiertagsuniform. Der Beifall Berlins schlug an die weißen Säulen des Denkmals. Doch nicht wie im September 1948, als die Stadt von den Sowjets hermetisch umschlossen war, um ausgehungert zu werden, lag über dem Maimorgen von 1950 das Fieber der tatbereiten Erregung. Ein ruhiges, jedoch sehr starkes Bewußtsein vielmehr charakterisierte diesmal die Maistunden: das Bewußtsein, der östlichen Walze erfolgreich und tatkräftig eine Grenze gesetzt zu haben. Und deshalb wohl auch forderte Berlins Oberbürgermeister nicht mehr wie damals die Hilfe des Westens, sondern eine kühne Führung, die die Schranken nach Westen und Osten niederreißt: Berlin werde, wie es sich selbst frei gemacht halbe, auch den Osten von hier aus frei machen. Und Jakob Kaiser als der Bonner Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen konnte keine gewichtigere Ankündigung bei diesem Anlaß machen als die, daß der Reichstag, in dessen Angesicht diese Demonstration der Freiheit sich abwickelte, sobald wie möglich wieder aufgebaut werden solle, um dem Bundestag, Bundesrat und der Bundesregierung in möglichst naher Zeit zur Heimat zu werden.

Auch ein Amerikaner sprach: Irving Brown, der Repräsentant des Weltbundes der freien Gewerkschaften: „Wo Sklaverei herrscht, besteht Kriegsgefahr für die ganze Welt“ Dies schmetterte er mit lauter Stimme nach Osten hin, und die Lautsprecher trugen es weit über die tote, von den Polizeimannschaften freigelassene Lücke diesseits des Brandenburger Tors hinaus hinüber zu den in Zwölferreihen die Friedrichstraße heraufmarschierenden Betriebsbelegschaften des Sowjetsektors.