Von Josef Marein

Wir hatten jüngst das Goethe-Jahr, und geht es den Möllnern und den Schöppenstedtern nach Wunsch, so werden wir heuer das Eulenspiegel-Jahr haben. Denn Till, der einzige, unvergängliche Till, starb in Mölln vor 600 Jahren: Erst war er krank, und der Apotheker gab ihm ein scharfes Purgiermittel und schloß den armen Till in der Apotheke ein. Als aber das Mittel wirkte, rannte der Kranke ängstlich hin und her, fand keinen Ausgang, besann sich jedoch in aller Verzweiflung, daß er immer noch der Eulenspiegel war, ergriff die große Büchse, worin sich die Medizin befunden, benutzte sie auf seine, auf eulenspieglerische, auf menschliche Weise, derweil er sprach: "Hier kam die Arznei heraus, hier muß sie wieder rein!" – Dies also war vor 600 Jahren. Und seine Mutter kam nach Mölln, und das jeder Deutsche so oft wiederholt und so oft mit Recht? Wahrscheinlich, nein, sicherlich hat Till gelebt, ein Mensch aus Fleisch und Blut, geboren in Kneitlingen, gestorben in Mölln. Seit 600 Jahren aber ist Eulenspiegel kein Mensch mehr, sondern ein Buch, gedruckt Anno 1519 bei Johannes Grieninger in Straßburg. Und so wahrscheinlich es ist, daß diesem Buche andere, heute verlorene Eulenspiegel – Drucke vorangegangen sind, so bekannt ist es, daß ihm viele Ausgaben folgten: niederdeutsche und hochdeutsche, angeblich "sittlich gereinigte" Ausgaben und angebliche Originaltexte, Eulenspiegel-Bücher in fast allen Sprachen der Welt. Eulenspiegel – der Bestseller alter Zeit!

Und da Eulenspiegel ein Buchheld ward, ist er durch die Jahrhunderte fleißig abgeändert steinernen Eulenspiegels Füßen – er steht hier übrigens als ein schlanker, repräsentabler junger Mann – liegt der verwunschene Dorfteich, von dem in Schöppenstedt am Gasthofstisch ein Eingeweihter sagte, es hätten sich früher die Eulen rings im Gebüsch darin gespiegelt. Oft kehren heute Eulenspiegelianer in Kneitlingen ein, obwohl das kleine Dorf weitab der Straße liegt; auch junge Männer der Besatzungstruppe sehen zuzeiten andächtig das lächelnde Denkmal an. Sie wissen nicht, daß Merian in seiner "Topographie der Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg" einst über Kneitlingen im Dreißigjährigen Kriege schrieb, daß hier vordem ein Eulenspiegel-Stein gezeigt worden sei, "... endlich aber, wegen des zu großen Anlauffs der Kriegsleute, umb Gefahr und Schaden zu verhüten, weggethan worden, damit dieser in seinem jantzen Leben gewesener Schadenfroh nicht auch noch nach seinem Tode Schäden anrichten möchte...."

Wie man heute den Eulenspiegel ansieht, das ist angesichts der kommenden Feiern von Schöppenstedt und Mölln das Wichtige. Die Möllner haben, wie die Chroniken berichten, schon im achtzehnten Jahrhundert mit einem Phantasiebildnis Eulenspiegels fix und tüchtig Geschäfte gemacht, das sie an die Fremden verkauften. Sie haben heuer "Eulenspiegel-Zigarren" und "Eulenspiegel-Schnaps" und "Eulenspiegel-Speise-Eis" kreiert, und das liegt auf derselben Linie. Immerhin, der heutige Möllner Bürgermeister, Michelsen, der eine "Gesellschaft der Freunde Eulenspiegels" gründete, den Titel "Dr. eul. h. c." erfand und an Shaw verlieh, der Mölln zur "Stadt des Humors" machen will, ist an aufrechter Mann, der über die etwas trubelhafte, bierfreudige Fröhlichkeit hinaus, wie sie bei den weiland "Pankgrafen" in Berlin zu Hause war, den Till Eulenspiegel als einen Vorkämpfer gegen autoritätssüchtige, humorlose Würdenträger ansieht, deren noch immer allzuviele in den Ämtern sitzen.

Was Schöppenstedt in Vertretung Kneitlingens zur Ehrung Eulenspiegels vorbereitet, hat eine innigere Note. Hat doch vor Jahren dort schon ein Apotheker das wiedergutgemacht, was vor 600 Jähen in Mölln ein Apotheker dem Eulenspiegel antat: Leimkugel hieß dieser Mann, der zwei Passionen hatte: Ballonfahren und Eulenspiegel-Forschung. Im Ballon hat er als erster die Alpen überquert, und dem Till hat er, der in Essen seine Apotheke hatte, jedoch in Schöppenstedt geboren war, eine Sammlung gewidmet, die jetzt in seiner Heimat das "Eulenspiegel-Museum" ausmacht. Als kleines Prunkstück des sauberen braunschweigischen Städtchens glänzt diese Sammlung vornehmlich dadurch, daß die interessantesten und die schönsten Drucke des "Eulenspiegel", die es im Laufe der Jahrhunderte gegeben hat, darin vorhanden sind. Cesar Bresgen, der Salzburger Komponist, hat für das kommende Eulenspiegel-Fest ein Ballett von der Historie des ewigen deutschen Schalks geschrieben. So modern ist man in Schöppenstedt, dem man Geschichten in der Art Schiidas andichtete? Vor Jahren, als eine neue Badeanstalt in der Sechstausend-Einwohner-Stadt eingeweiht wurde, hielt der damalige Bürgermeister im Frack und Zylinder die Weiherede und sprang als Erster ins Wasser, in Frack und Zylinder. Der heutige Bürgermeister Buhbe, kultiviert und immer aufgelegt zu Scherzen, schwört, daß ähnliche Grotesken auch heute in Schöppenstedt noch möglich seien, diesem Städtchen inmitten fetten Ackerlandes, das just so viel Industrie hat, wie dies den ansehnlichen Bauernhöfen in der Umgebung nützt. "In Mölln", sagte der Bürgermeister von Schöppenstedt, "haben sie Eulenspiegels Grab; hier aber", und er deutete im Vorhof des Miniaturmuseums auf einen entsprechend beinschrifteten und mit einem Grübchen versehenen alten Mühlstein, "sehen Sie Tills Taufbecken..."

Eines ist so richtig wie’s andere. Tills Humor? Wer über Eulenspiegeleien lacht, ob über neue oder alte, verrät mit seinem Lachen, wie er den Eulenspiegel sieht. Und wer in heutiger Zeit nicht lachen kann, nun, für den ist Eulenspiegel nicht geboren. Denn Eulenspiegel. selbst hätte auch heute zum Lachen Anlaß genug und er würde auch wieder Steine auf die Marktplätze säen...