Am Abend des 4. März wurden wir erneut verladen; 18 Personen in einem Gefangenentransportwagen, der für zehn Personen Platz hatte und noch voller Säcke mit Holz für den Betrieb war. Die ganze Nacht und bis zum Abend des nächsten Tages waren wir unterwegs. Schließlich kamen wir in Regensburg an, zusammen mit drei Autoomnibussen, die Sippen- und politische Häftlinge von Buchenwald brachten; darunter Frau v. Hammerstein und Tochter, Frau Haider, Familie Goerdeler und Stauffenberg. Bereits am nächsten Abend ging der ganze Transport weiter nach Schönberg im Bayrischen Wald, wo wir in einer Schule, die als Reservelazarett eingerichtet war, eingesperrt wurden! Zu 20 Personen, Männer, Frauen und Kinder in einem Raum. Tags darauf wurden General v. Rabenau und Pfarrer Bonhöfer, der in unserer Stube gerade noch einen kleinen Sonntagsgottesdienst abgehalten hatte, abgeholt. Sie wurden nach dem Konzentrationslager Flossenbürg gebracht und dort zusammen mit Admiral Canaris und General Oster ermordet. Am 9. April wurde ich zusammen mit dem englischen Captain Best und dem Russen Kokurin zum Abtransport aufgerufen. Als ich den Gefangenentransport wagen bestieg, erkannte ich in dem dunkeln Inneren Minister Schacht, General Haider, General Thomas, Oberst v. Bonin und Bundeskanzler Schuschnigg mit Frau und kleinem Kind. Sie kamen von Flossenbürg.

Am Abend wurden wir im Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Die Behandlung hier war verhältnismäßig milde; man konnte mit vielen Mitgefangenen verkehren; darunter befanden sich Minister Léon Blum mit Frau, der Bischof von Clermont, der holländische Minister van Dyk, der Sohn Badoglios, der Sohn Horthys, Pfarrer Niemöller, Prinz Xavier v. Bourbon und viele andere bekannte Persönlichkeiten aller Nationen. Die Bewegungsfreiheit beschränkte sich allerdings auf einen von hohen Mauern umgebenen kleinen Hof, so daß man auch hier von dem eigentlichen Lager nichts sah oder hörte; man war vollkommen abgeschlossen. Aber auch hier war die Wachmannschaft zum Teil bedenklich geworden und suchte Anschluß an uns zu gewinnen. – Mehr als ein Jahr später habe ich in der gleichen winzigen Zelle dreieinhalb Wochen lang zusammen mit Feldmarschall Sperrle, General von Falkenhorst und Professor Brandt fest eingesperrt gesessen und bin viel schlechter behandelt worden als damals von der Gestapo, ohne je den Grund erfahren zu können.

Am 24. April abends wurden wir erneut Verladen, in nächtlicher Fahrt nach Innsbruck gebracht und in einem Arbeitserziehungslager in der Nähe eingesperrt. Von hier erfolgte dann am 27. abends in mehreren Omnibussen der Weitertransport der ganzen Gefangenengruppe: etwa 170 Personen, Männer, Frauen, Kinder, Angehörige von mehr als 20 Nationen. Die Fahrt führte über den Brenner nach dem Pustertal, und am frühen Morgen des 28. trafen wir vor Niederndorf – und zwar in Villa Bassa – ein. Hier erfuhr ich von Captain Fawkner, der auf der Fahrt hinter der Bewachungsmannschaft gesessen hatte, daß diese sich darüber unterhalten habe, wie wir zu „liquidieren“ seien. Einer der Wache hätte es besonders auf mich abgesehen, weil ich gegen ihn in Belgien einmal einen Tatbericht eingereicht hätte. Er habe damals „nur“ auf einen Belgier geschossen, und ich hätte immer die Gefängnisse unangesagt revidieren lassen. Er – als Gestapomann – hätte natürlich nicht bestraft werden können, aber jetzt wünsche er, sich an mir zu rächen.

Dies sollte nun also das Ende sein! Gemeinsam beschlossen wir, mit der Armee Verbindung aufzunehmen. Mit General Heilder, General Thomas und Oberst v. Bonin suchte ich im Morgennebel heimlich in den Ort Niederndorf zu gelangen. Dies glückte uns. Eine militärische Fernsprechstelle war dort vorhanden. Oberst v. Bonin rief den Chef des Oberkommandos an, der die Entsendung einer Kompanie zusagte. Tagsüber und während der folgenden Nacht hatten wir mit einigen zu uns übergetretenen SS-Wachen eine Art Sicherungsdienst eingerichtet, und als am Morgen des 29. April die ersten Teile der Kompanie eintrafen, verschwand die Masse der Wache mit einem Autoomnibus, und wir waren von der Gestapo befreit.

Am 5. Mai trafen amerikanische Truppen ein. Wir wurden nach Capri befördert, aber am 14. Mai in das P. W. E. 326 in Aversa bei Neapel eingeliefert: Schacht, Halder, Thomas, v. Bonin, Kapitän Liedich, Prinz Philipp v. Hessen und ich. Bei der Einlieferung wurden mir von dem Provost-Offizier meine sämtlichen Papiere und Aufzeichnungen, die ich vor dem Zugriff der Gestapo gerettet hatte, abgenommen, zusammen mit allen mir noch verbliebenen Wertgegenständen und Büchern. Ich beklage dies sehr. Die längste Zeit meiner Gefangenschaft bei den Amerikanern bin ich nicht als Kriegsgefangener, sondern wie ein Verbrecher behandelt worden. Ja, ich wurde von einem hohen amerikanischen Offizier als „Gangster“ beschimpft.

Ich stehe im 69. Lebensjahr, habe fast zwanzig Jahre davon im Auslande verbracht und bin stets bestrebt gewesen, einen Einblick in die inneren Zusammenhänge des Weltgeschehens zu gewinnen, über den Dingen zu stehen und mir ein eigenes Urteil zu bilden. Dadurch bin ich seit langem zum Feinde von Umsturz und kriegerischer Auseinandersetzung sowie aller der -„ismen“, wie Nationalismus, Militarismus, Absolutismus, Imperialismus, Radikalismus, Bolschewismus geworden, da sie schließlich alle im Chauvinismus und Fanatismus enden, bei denen Verstand und Vernunft nichts mehr bedeuten. Ich war immer ein Vertreter weiser Mäßigung, zur Schaffung vernünftiger Zustände durch eine verständige Politik.

„Nach schwerem Streit bleibt tiefer Groll, deshalb versucht der vernünftige Gläubiger, seine Forderungen nicht mit Gewalt einzutreiben.“ Das sagte Laotse vor mehr als zwei Jahrtausenden. Der viel gelästerte Wiener Kongreß hat hiernach gehandelt und damit ein Jahrhundert hindurch einen großen Krieg vermieden. Die Pariser Vorortsdiktate von 1919 ließen dies außer acht und schufen Zustände, die zum zweiten Weltkrieg führten. Die Staatsmänner von heute tragen die Verantwortung dafür, daß die Welt endlich zur Ruhe und zum wahren Frieden kommt und daß nicht schon jetzt wieder Minen gelegt werden, die den endgültigen Untergang der abendländischenKultur herbeiführen würden.

Es gilt, bald einen verständigen Frieden zu schaffen, denn nur ein solcher hat Dauer.