Von Erika Müller

Riezlern, im Mai

Das Walsertal, politisch ein Teil Österreichs, aber wirtschaftlich an Deutschland angeschlossen, ist eine Enklave. Und auf dem Wege in eine Enklave hat man als Reisender das überlegene und belustigende Gefühl Gullivers, der das Reich Liliput besucht. Ein solcher Gulliver, der dänische Reisende Hakon Mielche, ist nach dem Kriege in fünf Miniaturstaaten in Europa gewesen, darunter in Liechtenstein, Monaco und Andorra, die sich staatsrechtlich noch völlige Freiheit bewahrt haben. Aber deutsche Ferienreisende, welche über keine Auslandspässe verfügen, jedoch durchaus die freie Luft des Auslandes um sich wehen lassen wollen, Ski-Läufer, welche schneesichere Alpengebiete suchen und Erinnerungen an St. Moritz und Cortina d’Ampezzo wieder erwecken möchten, haben dies neue Land Liliput entdeckt: das Kleine Walsertal, in dem sie für deutsches Geld österreichische Luft atmen können. Dreißig Berggipfel von meist 2000 Meter Höhe umrahmen von drei Seiten dieses Sackgassental, das nur im Norden nach Bayern hin offen ist. Eine einzige kurvenreiche Autostraße führt von Oberstdorf hinauf in eine Landschaft, mit der der Herrgott sich die größte Mühe gegeben hat. Sie bildet den einzigen stank benutzten und daher auch stark abgenutzten Verbindungsweg zur Welt. 650 Jahre lang haben die Walliser Siedler und ihre Nachkommen sich allein an dieser Naturschönheit gefreut, und erst seit dreißig Jahren – das ist, so sagen die Experten, eine sehr kurze Zeit für die Entwicklung zu repräsentativen Kurorten – haben sie mit bezaubernder Gastfreundschaft, geschäftiger Geschicklichkeit und mit Hilfe der aus Deutschland zugezogenen Hoteliers die Fremden hierher gelockt.

Nun, da auf den Wiesen statt der knallbunten Skihasen täglich neue Blüten leuchten und der Schnee sich immer höher hinauf in die Bergspalten zurückzieht, hat in Riezlern, Hirschegg und Mittelberg und in umliegenden Häusern, Hotels und Hütten die kleine Pause zwischen der Wintersaison und der mit Sehnsucht erwarteten hohen Zeit des Sommerreiseverkehrs begonnen. Seit die enthusiastischen Skisportler abgereist sind, ist das Tal weniger fashionabel, weniger glänzend, aber dafür gemütlicher und mehr geeignet für idyllische Betrachtungen. Auch im letzten Winter fand das spezifische Winterkurortleben nach der Devise statt: „Wer sich erholt, ist selber schuld.“ Und aus Berichten, die die Wintersportreisenden später aus ihren Heimathäfen absandten und die mit Sätzen beginnen wie „Nachdem ich mich von der Erholung erholt habe ...“, klang keineswegs Übertreibung, wenn sie beschrieben, wie sich unter den samba- und raspabeschwingten Schritten und Sprüngen der Tanzenden die in Walser-Holzbauweise errichteten Hotels selbst in winterklaren Nächten schüttelten, als fege der ärgste Schneesturm ums Haus. Im Ifen-Hotel, das von seinem Besitzer in einer runden Front kühn und klug der Sonne und dem Widderstein, dem König des Walsertals, entgegengebaut wurde, sind die Spesenkonteninhaber abgereist, die in der Hochsaison auch die 27-DM-Einzel- und entsprechenden Doppelzimmer für Wochen ihr eigen nannten. Auch die anderen First Class-Häuser haben geschlossen. Die Köche und Kellner sind verreist. Der weniger auf Abenteuer und dafür wirklich auf Erholung bedachte Zwischen-der-Saison-Gast kann heute in den kleineren Gasthäusern täglich in ein neues Zimmer umziehen, er kann auf der einzigen Straße mit hintergründigen Gedanken lässig flanieren und die Blicke in der Schönheit der Natur spazieren lassen, ohne daß jemand da wäre, der ihn wegen der Unsportlichkeit komisch fände. Er kann auch, wenn er will, den Verpachtungen der Kurverwaltung lauschen, daß dieses Tal fortan auch eine Quelle der sommerlichen Erholung werden soll und daß für ihn, Jan Gast, dazu eigens ein Schwimmbad mit Tennisplätzen, eine Promenade abseits der einzigen autobelebten Straße und ein Sessellift auf die Riezleralpe für schöne Höhenblicke gedienen wird. Ja, er könnte auch, wenn er sechs bis zwölf DM pro Quadratmeter je nach Lage drangeben wollte, sich einen Landsitz erwerben angesichts dieser prachtvollen Natur.

Die Einheimischen besinnen sich inzwischen auf sich selbst. Es wird gerechnet, kalkuliert und renoviert und viel Wert auf ein geselliges Leben „unter sich“ gelegt in dieser Zeit, wobei die drei „wichtigsten Momente des Menschenlebens“ – Taufe, Hochzeit und Begräbnis – wieder die größten Ereignisse sind. Unberührt vom Fremdenstrom leben sie eingedenk ihrer 650 Jahre alten Tradition voller Selbstbewußtsein und Sicherheit im Geiste der wackeren Pioniere, die über die Pässe hierherkamen, um ein schöneres Leben aufzubauen Sie führen noch die alten Familiennamen – fünf oder sechs sind es, die immer wieder auftauchen und den Fremden verwirren (Riezlern ist einer von ihnen, nach dem auch der Hauptort heißt), sie blättern gern in den besonders vollständig erhaltenen alten Chroniken, sie schmücken die Zimmer ihrer alten Häuser mit Efeuranken, so daß es tropisch grünt wie im Gewächshaus, sie halten den Hausaltar in Ehren und den dicken runden Ofen mit der „Gutsche“, der Liegestatt, daneben. Und sie haben in abgelegenen Bodenkammern heimliche Heimatmuseen mit schönen Gebrauchsgegenständen aus mehreren Jahrhunderten.

Der Sternwirtin, bekannt im ganzen Tal, weil sie noch nie, selbst nicht auf Reisen nach Berlin und Italien, ihre Walsertracht mit dem Korallenhalsschmuck ablegte, bekannt auch wegen ihrer guten Mischungen hinter der Sternbar, ihrer Vorliebe für Pernot und ihrer ansteckenden Fröhlichkeit, kann man jetzt öfter in dem im oberen Stockwerk gelegenen Wohnzimmer begegnen, das mit kostbaren Möbeln im alten Stil und neuer Wohlhabenheit angefüllt ist. Die unverlangte Versicherung, daß auch die Tracht, wiewohl von allen getragen, keine Uniform sei, unterstützt sie mit der charmanten Vorführung einiger Varianten, zu denen in diesem Hause 120 Schürzen gehören, einfarbig und bunt, in reichen Tönen, aus Baumwolle, Seide und Brokat, selbstgekauft oder als Geschenk dankbarer Gäste angenommen.

Entthronten Helden gleich gehen jetzt die Bergführer einher in diesem Tal, das die kleinsten Briefkästen und die fröhlichsten Kinder hat; Kinder, die artig gelernt haben, den Fremden schon von weitem ihr „Grüß Gott“ zuzurufen. In der „toten Zeit“ greifen Skilehrer und Bergführer entweder zur Mistgabel und arbeiten auf ihrer viel zu kleinen Landwirtschaft oder sie führen den Hobel in der Skiwerkstatt und Tischlerei des Ortes. Sie versuchen, sich irgendwo nützlich zu machen, und kommen sich ganz überflüssig vor. Außerdem haben sie damit zu tun, ihr Gemütsleben in Balance zu bringen, das zwischen der kargen Zweizimmerwohnung mit Wohnküche und den Sambanächten mit den Skihasen im Grand Hotel etwas in Unordnung geriet. Der Natter Sepp aus Mittelberg hat in seinem Bergführerbuch nicht nur enthusiastische Dankeshymnen folgender Art: „Sepp hat mir trotz meiner Ungeschicklichkeit einiges beigebracht auf dem Übungshang und auf dem Tanzboden. Sepp, ich danke dir, daß du meinen Aufenthalt in Mittelberg so wunderbar schön und lustig gemacht hast“; der Natter Sepp ist außerdem von der Wissenschaft belobigt worden, da er im Dienste der Deutschen Karstgesellschaft im vorigen Jahr auf einer Expedition in das Höhlengebiet der Karstlandschaft des Hohen Ifen in 80 Meter Tiefe „in begeistertem Drange“ eine neue Höhle entdeckt hat, die „Natterkluft“ genannt wurde.

Nicht heldenhaft, sondern treu beamtenhaft leben die Uniformträger des Tales, die österreichischen Polizisten. An der Walserschanze – sie tat schon im 30jährigen Krieg gegen die Schweden Dienst und ist heute die Landesgrenze – wird man von dem jungen Gendarm Erwin S. empfangen. Er erlaubt den Eintritt ins Tal, wenn man ihm mit dem Passierschein beweisen kann, daß man „zur Wiederherstellung der Gesundheit“ unterwegs ist. Von der Walserschanze bis zu den hoch oben an den Pässen gelegenen Zollstation hält er mit sieben Kameraden die Ordnung aufrecht. Er zählt die vorbeifahrenden Autos – 11 400 Personen kommen oft in einem Monat herauf, fast die vierfache Zahl der Einwohner –, er betrachtet die Gäste, wenn sie einfahren und wenn sie ausfahren, und er bemerkt an ihnen starke Veränderungen: sie kommen blaß und sind sonnengebräunt, wenn sie gehen. Doch obwohl er eine kontemplative Natur ist und seinen Geist an Tolstoi schulte, würde er den poetischen Ausdruck „Paradies“ für sein Tal weit von sich weisen: er kann nichts Ungewöhnliches darin entdecken. Auch das Verkehrsamt hält sich mit seinen Formulierungen in den Reiseprospekten klug zurück. Die Gäste aber – und gerade solche, die mit dem festen Vorsatz kamen, sich schäumend zu unterhalten – erfahren jäh, und sei es auf dem Balkon des Hotels, daß die große Einsamkeit nichts Drohendes hat, daß sie vertiefte Erlebnisfähigkeit schenkt. Und so werden an der Walserschanze neugekräftigte Menschen entlassen in die nervöse und deprimierte Welt, wo die Neuigkeiten von den letzten modernsten Zerstörungswaffen sie erneut überfallen.