Er inaß fast zwei Meter und trug sehr lange, sehr weite Jacken, die ihn umschlotterten; kräftig wirkte er nicht. Fremde schüchterten ihn ein. Seine Schüchternheit hatte jedoch etwas Verdächtiges, Stillvergmces, Spöttisches So etwa hat kürzlich in einem Nachruf ein Freund den in den letzten Kriegstagen umgekommenen Schriftsteller Frieda Lampe charakterisiert und auch einige Legenden, die bereits über Lampes Tod im Umlauf sind, wieder zerstreut: j>Am 2. Mai 1945 verließen Lampe, Ilse Moltzan, und deren Schwester das Häuschen in Klein Machnow und wanderten auf Potsdam zu; dort, meinten sie, sei man sicherer. Unterwegs wurden sie von einem russischen Posten angehalten und ausFestigkeit besitzt und einen erstaunlichen "Verkehr" zu bewältigen vermochte. So kurz die Erzählung "Ratten und Schwäne" erscheint, sie ist doch geladen mit Inhalt. Eine ganze Welt ist in ihr enthalten, und nicht irgendeine beliebige, sondern die höchst komplizierte der großen Welthafenstädte. Man könntekaum entscheiden, ob ihm Hamburg oder Bremen Modell für seine Geschichte gestanden hat, wichtig ist nur, daß das Riesenobjekt eingefangen wurde wie kein zweites Mal von einem deutschen Erzähler. Dieser Fang ist mit einer eigentümlichen Technik geschehen, wie sie vor Lampe der Franzose Jules Romains in seinem Riesenroman "Die guten Willens sind" angewandt hat. Kein Einzelschicksal, sondern ein mittelpuinktloses Kollektivgeschehen, aufgeteilt in eine beliebig beginnende Bilder, die nur lose von der Einheit des Ortes und der Zeit her ineinandergreifen. Die Wirkung dieser Erzählweise ist verblüffend und erinnert am meisten an eine gut geschnittene Wochenschau, nur daß ihr im Falle Lampes ein ausgesprochen dichterischer Zauber übergeworfen ist. So scharf wie dieser Schriftsteller beobachten und auf die Wirklichkeit, insbesondere auch auf die sprachliche Wirklichkeit seiner Umwelt hinhören konnte, so traumhaft sicher vermochte er andererseits auch einen trostlos düsteren oder hoffnungslos banalen Stoff in die poetische Oberwirklichkeit zu erheben. Lampe hat vielleicht die lindeste Prosa geschrieben, die es in unserer zeitgenössischen Erzählungskunst gibt. Man kann ihn manchmal fast "zu leicht" finden, wenn man nämlich den "sanften Riesen", der er auch leiblich gewesen ist, hinter dieser Leichtigkeit vergißt. Joachim Günther Zweig ist der überempfindliche Literat, der an der Emigration zugrunde ging. Kurz bevor er in Petropolis, nahe Rio de Janeiro, seinem Leben mit kühler Überlegung ein Ende setzte, hatte er von sich als einem "ewigen Flüchtlingslehrling" gesprochen. Labilität im Empfinden, übersteigerter Ksthetizismus und die Treibhausluft gleichbleibenden Ruhmes ließen ihn für ein unstetes Leben nicht tauglich sein. Zu den jüngsten in der Emigration geschriebenen Arbeiten — neben der "Welt von gestern" und der Balzac Biographie — gehört jene "Schachnovelle", die er wenige Wochen vor seinem Tode im Februar 1942 seinem Freunde und Berater Ernst Feder mit dem Bemerken übersandte: "Idi wäre höchst dankbar, wenn Sie als doppelter Fachmann der beiden Künste, der schachlichen und der literarischen, mir Ihre Einwände rückhaltlos sagen wollten " Der Benmann Fischer Verlag in Stockholm, der sich auch der anderen nachgelassenen Werke Zweigs annahm, brachte die Arbeit 1943 heraus und hat sie jetzt auch für Deutschland neu verlegt.

Die Seereise von New York nach Rio — die letzte, die der Autor nach seiner Flucht aus Österreich unternahm — gibt den Rahmen für eine gespenstische Schachpartie, die sich im Rauchsaloa des Schiffes der junge Weltmeister dieses geistigen Sports und ein österreichischer Rechtsanwalt liefern. Dem Tölpel aus südslawischer Dörflichkeit klebt die Meisterschaft wie ein Wunder an, dem von der Gestapo seelisch gemarterten Berater der Kaiserfamilie war sie als geistige Akrobatik in einsamer Zelle zum zeitweiligen Verhängnis für seinen Verstand geworden. Das Abwägen der beiden Kräfte hat Zweig mit so virtuoser Kenntnis menschlicher Psyche geschildert, daß schlechthin eine dichterische Identifizierung seiner Person mit der des Österreichers angenommen werden muß, der mit seiner sensiblen Menschlichkeit dem robust einseitigen Genie erliegt, weil das Schachspiel (bei Zweig ist es die politische Atmosphäre seiner Zeit) ihm zu einem empfindlichen automatenhaften Komplex seines Geistes geworden ist, "Ein kleiner Stoß und es (das Gefäß, das den Namen Stefan Zweig trug) mußte zerspringen", schreibt seine erste Frau Friederike in ihren Erinnerungen, die die persönliche Ergänzung zu der unpersönlicheren Autobiographie Die Welt von gestern" darstellen. So mag der letzte Satz der Novelle, der dem stupiden Schachchampion in den Mund gelegt ist, für den Dichter selbst sprechen: "Der Angriff war gar nicht so übel disponiert. Für einen Dilettanten ist dieser Herr eigentlich ungewöhnlich begabt schl.