Ein großer Giraudoux-Abend in Hamburg

Es tut der Größe des Dichters Jean Giraudoux keinen Abbruch, wenn man feststellt, daß dies wundersame Nachlaßwerk – wie so vieles in der modernen Theaterdichtung – ohne Strindbergs Vorangang nicht denkbar wäre. Die hellseherischen Wachträume des Strindberg der „Gespenstersonate“ oder des „Traumspiels“ werden hier weitergeträumt in den erweiterten Gesichten unserer Zeit – der letzten? –, der entscheidenden. Es geht um die Entlarvung der Mächtigen dieser Welt, der vermeintlichen Realisten, der Unternehmer, Geschäftemacher, Börsenjobber, Ausbeuter, Drahtzieher, die das Leben aushöhlen, und heute selbst das Gleichgewicht des Planeten durch Zersetzung seiner geheimsten Substanzen bedenkenlos aufs Spiel setzen. Bei Strindberg heißen diese Klugen, diese Ehrenmänner, noch „alle Rechtdenkenden“; hier werden sie, gemäß der inzwischen fortgeschrittenen Entwicklung der Dinge, kurz und schlicht „Banditen“ genannt. Und es wäre ein bedauerlicher Irrtum, wenn man diese Gestalten des Dramas als bloße species verstände, statt symbolhaft verdichtet, als pars pro toto der weltbeherrschenden Menschenklasse. Es wäre derselbe tragische Irrtum, der die Irre von Chaillot so glücklich macht, indem sie glaubt, mit der Vernichtung der ihr erreichbaren kleinen Auswahl (sie läßt sie auf der Suche nach Erdöl in ausweglosen Katakomben verschwinden) die Welt gerettet zu haben. – Auf der anderen Seite sind es auch hier und jetzt die Armen, Enterbten, die Waisen und Narren, in denen unter einer Schicht von Weltentfremdung, unter dem äußeren Anschein der „Zurückgebliebenheit“ noch ein Wissen um die Schönheit sauberen Lebens, ein warmes Herz für die tiefere Wirklichkeit menschlichen Wertes, ein klares Gefühl für die Gefahr der gottlosen Superklugheit jener Masse der Pfiffigen. und Gewitzten sogar ihre eigene Vernunft überdauerte.

Wieviel unsagbare Liebe und Güte lebt in diesen Gestalten und ihrem Mittelpunkt: der alten, verschrullten „Irren“, deren Bewußtsein Zwischen mildem Wahn und echter, starker Menschlichkeit herumgeistert wie die ganze Dichtung zwischen Alltagsrealität und Transzendenz. Aber was bei Strindberg so schwer und lastend war – bei Giraudoux gewinnt es plötzlich – selbst in der tragischen Ironie – eine bezaubernde spielerische Gelöstheit, die gewiß nicht allein aus dem pariserischen Milieu, dem französischen Esprit kommt, sondern aus einem zu letzter Gütigkeit gereiften, reichen Geiste.

Die Aufführung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Übersetzung von Wilhelm M. Treichlinger) war authentisch in jedem Sinne. Ita Maximowa überlieferte die orginale Ausstattung der Pariser Premiere mit ihrer unvergleichlichen atmosphärischen Suggestivität, und Karl Heinz Stroux lenkte die Szene völlig gemäß dem durch das Bildliche vorgezeichneten Stil. Er brachte Hermine Körner mit, die, wie schon in Berlin, die Titelfigur derart hinreißend lebendig werden ließ, daß jedes Wort darüber den Eindruck nur abschwächen kann. Nur das muß gesagt sein; auch diese in ihrem Reichtum an seelischen Ver- und Enthüllungen so unmittelbar bezwingende Leistung bewies wieder einmal, wie große Kunst zuletzt im Geheimnis des Menschlichen und seiner gewahrten Ursprünglichkeit wurzelt. Aber es zeigte sich weiter, was ein genialer Regisseur, der nicht auf Selbstgeltung, sondern auf treuen Werkdienst ausgeht, aus einem Ensemble zu machen weiß, dem man – bei allem Respekt vor einzelnen Köpfen – einen Abend wie diesen schlechterdings nicht zugetraut hätte. Es war alles in allem eines der großen, unvergeßlichen Theatererlebnisse, und so darf die Aufzählung der Namen genügen, die den gleichen Anteil daran hatten: Robert Meyn, Hans Anklam, Walter jung, Helmut Eichberg (die „Banditen“): Gustl Busch, Elly Burgmer, Ilse Bally (die drei Irren); Ruth Leeuwerik (die Geschirrwäscherin); Werner Dahms (Pierre); Joseph Offenbach (der Taubstumme); Willy Grill (Kloakenreiniger): Albert Lippert (Lumpensammler); Benno Gellenbeck (Retter). Ein Reigen individuell geprägter Erscheinungen, und jede eine dichterische Vision mit dem Gewicht voller menschlicher Gültigkeit, Das Publikum empfand das Besondere des Ereignisses und reagierte mit begeistertem Dank, der sich zumal mit sichtbarer Herzlichkeit auf Hermine Körner häufte. Ob es merkte, daß hier – von der darstellerischen Höhenlinie ganz abgesehen – in graziöser Umhüllung; das Legendenspiel unserer Epoche vorüberzog?

A–th

Tübingen, im Mai

An einem Kriminalfall wird ein Drama um Freiheit und Angst entwickelt. Über das Reißerische hinaus führt Ugo Betti, heute wohl der führende Dramatiker Italiens, in seinem mit zwei großen Literaturpreisen ausgezeichneten Schauspiel Korruption im Justizpalast zu den Grundproblemen des heutigen Menschen. Wie in all seinen Werken zeichnet er auch hier einen „Helden“, der aus der Einsamkeit und Verlorenheit seines Daseins in die vollkommenere Welt seiner Phantasie flieht. Aus Lebensangst geht der Mensch seinerseits zum Angriff über, frei von jeglicher Pflicht und jeglicher Bindung, und erst der Schrei einer Sterbenden, die er in den Freitod getrieben hat, führt ihn zum wahren Ethos zurück.