Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Mai 1950

Was kann die Kirche für den Frieden tun?“ – Dies ist die Frage, die unlängst auf den kirchlichen Tagungen in Berlin (dem Berliner Laientag, der Konferenz der Bekennenden Kirche und der Tagung der gesamtdeutschen evangelischen Synode) das bedeutsamste Thema anschlug. Kein Zufall, daß diese Frage gerade in Berlin gestellt wurde, auf jenem politischen Gelände, wo sich eine Zweckpropaganda ohne Maßen entfaltet hat und wo sich – sogar mit Unterschriftensammlungen aus allen Teilen Deutschlands – gerade die alten Feinde des Christentums als die beredtesten Anwälte für den „Frieden“ zu legitimieren suchen. Die „Aktionskomitees für den Frieden“ (wie die neueste Spielart der kommunistischen West-Infiltration heißt) bewillkommneten deshalb die gesamtdeutsche evangelische Kirche besonders im Ostsektor Berlins. So lag der evangelischen Synode also ein östliches Bündnisangebot vor, das auf der schillernden Phrasenbrücke „Kampf und Arbeit für den Frieden“ passieren sollte. Besonders von der Synodal-Tagung in Berlin-Weißensee erwarteten sich die sowjetisch-kommunistischen Propagandisten einen großen politischen Gewinn. Die östlichen Machthaber wünschten dabei in der evangelischen Kirche einen offiziellen geistlichen Bundesgenossen ihrer sehr realen politischen Zwecke zu gewinnen, wollten sie aber andererseits auf dem politischen Felde in eine Art Getto verbannt wissen. Genau diesen Absichten aber versagte sich die evangelische Kirche in Berlin-Weißensee. Wohl konnte Pfarrer Niemöller – allerdings außerhalb der Tagung selbst in einigen Vorträgen und Predigten – wieder einmal seine nunmehr schon bekannte These vortragen, daß die Kirche weder mit dem Westen noch dem Osten „Front beziehen“ könne, aber die Gesamtheit der Synode – insbesondere der stellvertretende Ratspräsident des Rats der Evangelischen Kirche, Bischof Lüje – betonte ausdrücklich das Recht der Kirche, zur Politik und zum öffentlichen Leben im Sinne der christlichen Lehre und Botschaft Stellung zu nehmen. Wenn es auch gerade auf diesem prekären Boden von Berlin-Ost nicht angehet konnte, daß die Kirche sich als einen politischen Faktor; proklamierte, so nahm sie doch die aktuelle Gelegenheit wahr, das Problem der Arbeit für den Frieden anzupacken. Das Friedenswort der Kirche an die Öffentlichkeit hat eine ganze Reihe von Punkten, die deutlich das Recht der einzelnen und der Völker auf Gewissensfreiheit voraussetzen. Zum gleichen Zwei hat die Synode, von der Initiative Bischof Lilje; getragen, auch das Recht der Kriegsdienstverweigerung zum ersten Male mit der Legitimation der kirchlich-christlichen Billigung ausgestattet. Wenngleich hier auch die Meinung der Synode nicht einhellig war, ergibt sich klar, daß die frage der Kriegsdienstverweigerung besonders im Hinblick auf den östlichen Polizeistaat von außerordentlich weittragender und möglicherweise dynamischer politischer Wirkung sein kann.

Die evangelische Synode hat in Berlin-Ost gerade zu einem Zeitpunkt getagt, an dem die Kirche der Sowjetzone die wachsende Bedrängnis durch eine neue Totalität zu spüren bekam. Daß die Kirche unter der Ost-Diktatur jetzt in eine Periode des mehr oder weniger offenen Kampfes eintreten muß, stand als Gewißheit über den Besprechungen der Synodal-Tagung.

Noch braucht trotz des eindeutigen Wortes der evangelischen Synode der Oststaat die Hilfe der Kirche bei seinen nach Westen gerichteten Bemühungen. Um so nützlicher war, daß in Berlin-Weißensee die dort versammelte Synode zum ersten Male sichtbar den Schritt einer bislang vornehmlich aufs Theologische konzentrierten Kirche in die Welt der wirklichen Entscheidungen getan hat!