Diesmal haben die Optimisten recht behalten; Hannover hat mit der jetzt laufenden Technischen Messe endlich jenes Messe-Fluidum bekommen, das immer noch vermißt worden war, das auch beim ersten Teil der diesjährigen Deutschen Industriemesse, der Allgemeinen Messe, nur in ganz bescheidener Dosierung festgestellt werden konnte, Diesen Schritt zur wirklichen Messe hat man der deutschen Industrie zu danken, die in immer zunehmendem Maße ihr Vertrauen der Messe in Hannover-Laatzen geschenkt hat. Man muß anerkennen, daß es gelungen ist, diese Veranstaltung, an einem peripheren Platz Westdeutschlands gelegen, und sogar – ein Novum in der Geschichte aller Messen – ihre Einstellung dem Eingreifen der britischen Besatzungmacht dankend, nach allen Schwächen und Fehlern der Vergangenheit und abseits jeder Messetradition zu dem zu machen, was sie heute ist,

Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß die Technische Messe wirklich hervorragend organisiert ist. Endlich kann man das in Laatzen im Frühlingsgrün liegende Messegelände für 20 Pf. mit der Straßenbahn erreichen und bekommt dabei noch einen modernen Straßenbahn-Speisewagen zur Verfügung gestellt. Und der Autofahrer findet eine moderne Autostraße vor. Das Gelände selbst hat eine erhebliche Erweiterung erfahren. Fing man 1947 mit einer Hallenfläche von 17 160 qm und einem Freigelände von 8000 qm an, so verfügt Laatzen jerzt über 16 Hallen mit 75 630 qm und einem Freigelände von 30 000 qm. Schon heute macht sich die Messeleitung ernste Gedanken, in welchem Umfange man die zur Technischen Messe neu erbauten acht Zelthallen in feste Hallen umwandelt und ihnen auch für sonstige Veranstaltungen eine Rentabilität sichert. Diese Überlegungen können jetzt mit sehr viel mehr Berechtigung vorgenommen werden, da Hannover mit der nun laufenden Messe einen bedeutungsvollen Schritt auf dem Wege zur westdeutschen Zentralmesse getan hat.

Diese Gedanken kamen auch zum Ausdruck, als Dr. Beutler, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, anläßlich der Eröffnung sich mit aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigte. Er zollte der Messe in Hannover volle Anerkennung, betonte jedoch, daß eine Bereinigung des westdeutschen Messewesens notwendig sei. Man müsse sich auf einige wenige Veranstaltungen beschränken und diese dann, gemäß ihren besonderen Aufgaben, entsprechend pflegen. Ziel aller Messen müsse es sein, den Export zu fördern, der eine Erhöhung um wenigstens I Mrd. $ erfahren muß und vor allen Dingen nach Südamerika und nach dem Osten ausgebaut werden sollte. Vizekanzler und ERP-Minister Franz Blücher sprach sich für die baldige Schaffung eines paneuropäischen Wirtschaftsraumes aus, also für die Verwirklichung der europäischen Einheit. Er will diese Einheit aber nicht nur auf das europäische Festland beschränkt wissen, sondern auch auf den britischen Sterlingraum ausgedehnt selten.

Unbestreitbar hat die Teilnahme offizieller Persönlichkeiten des politischen und Wirtschaftlichen Lebens viel dazu beigetragen, der hannoverschen Messe jenes Gesicht zu geben, das sie haben muß, um eine wirkliche Messe zu sein. Was als Grundlage dazu notwendig war, leistete Westdeutschlands Industrie. Sie hat sich hier mit den führenden Firmen (und zahlreichen Unternehmungen von Weltruf) aus dem Maschinenbau, der Elektroindustrie, der Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie, der Produktion von Feinmechanik und Optik, dem Fahrzeugbau, dem technischen Bürobedarf, den Kaltwalzwerken, der Chemie und Pharmazeutik, der Gummiverarbeitung sowie Kunststoffverarbeitung zu einer bisher nicht erreichten Nachkriegsleistungsschau der deutschen Technik vereint. Daß in der Branchenaufteilung die Firmen des Maschinenbaus mit 45 v. H. der Gesamtausstellerzahl und 49 v. H. der vermieteten Standfläche an erster Stelle stehen, ist nicht besonders erstaunlich. Schon immer gehörte die westdeutsche Maschinen-Iidustrie zu den wichtigsten Devisenbringern. Und heute beschäftigt sie mit 420 000 Arbeitnehmern immerhin mehr als 9 v. H. aller Beschäftigten im Gebiet der Bundesrepublik. Noch längst ist das Leistungsvermögen dieser Industriegruppe nicht voll ausgeschöpft, obwohl sie im Vorjahre Werte in Höhe von 4 Mrd. DM schuf. Der Produktionsstand hatte aber erst das Volumen des Jahres 1936 erreichen können. An zweiter Stelle folgt die Elektroindustrie; sie stellt 27 v. H. der Gesamtaussteller. Alle Branchen warten, mit einer Fülle von Neuerungen auf, wenn man auch von ausgesprochen sensationellen Neuheiten nicht reden kann. Man spürt, daß Westdeutschlands Industrie die Wiedereinfuhr rung des Patentschutzes dankbar zur Kenntnis nahm.

Von einer besonderen Lebhaftigkeit war der Ausländerbesuch. Und mit einer gewissen Genugtuung stellt man bei der Messeleitung fest, daß aus zahlreichen Ländern Europas und von Übersee umfangreiche Nachbestellungen von Messeausweisen eingingen. Als Aussteller ist das Ausland diesmal nur mit 87 Firmen vertreten, die aus den USA, Japan, Großbritannien, Schweden, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Italien stammen und Erzeugnisse des Maschinenbaus, der Elektroindustrie, des Motorenbaus und (z. B. aus Japan) Textilmaschinen anzubieten haben.

Hannover wendet sich zu gleichen Teilen an den inländischen und an den ausländischen Markt. Und wenn heute in den Ausstellungsständen ein leichter Optimismus herrscht, dann deshalb, weil schon jetzt sehr günstige Aufträge für das Inland und auch für das Ausland abgeschlossen werden konnten. Wir wollen dankbar sein, daß Hannover das erreicht hat, denn schließlich hätte es eine traurige Entwicklung bedeutet, wenn auch diese Exporthoffnungen zu – Seifenblasen geworden wären ...

Willy Wenzke