Das deutsche Flüchtlingsproblem kann von der Bundesrepublik allein nicht gelöst werden. Ebenso primitiv wie diese Einsicht ist, ebenso mutterseelenallein stand Deutschland bisher mit ihr auf internationaler Flur. Man hat uns zwar zu Recht vorgeworfen, wir täten zuwenig für die Ärmsten unseres Volkes. Aber wie lähmend wirkte es auch auf jede Initiative, wenn man immer wieder erleben mußte, daß – auch prominente – ausländische Besucher ehrlich erschrocken die Augen aufsperrten, sobald sie hier über das Ausmaß der Flüchtlingsfrage orientiert wurden. Die bittersten Zinsen von Jalta hatte Deutschland allein zu tragen. Der Welt schien dies nicht nur gut so; sie wußte zum großen Teil nicht einmal davon. Nun aber sind die Dinge zum erstenmal in Fluß gekommen: Es wurde eine international organisierte Massenauswanderung von einer Million Deutschen vorgeschlagen. Und Präsident Truman soll diesen Vorschlag des sogenannten „Walter-Berichts“ bereits grundsätzlich gutgeheißen haben.

Dieser Bericht, nach dem Kongreßmitglied Francis E. Walter benannt, dem Vorsitzenden jenes Ausschusses, der im Auftrag des amerikanischen Parlaments im vorigen Spätsommer das Vertriebenenproblem in Deutschland studierte, ist vom 24. März dieses Jahres datiert und liegt zur Zeit dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses zur Stellungnahme vor. Wenn man seine praktischen Auswirkungen also auch erst in einiger Zeit erwarten darf, so steht doch dieses schon heute fest: Er ist ein Juwel unter den so zahl- und umfangreichen und inhaltsarmen Berichten unserer Zeit. Es wird in dem Report die Einberufung eines Kongresses vorgeschlagen, dem Vertreter der wichtigsten möglichen Einwanderungsländer sowie der USA und der Bundesrepublik angehören sollen. Dieser Kongreß ist zunächst nur dazu ausersehen, die Umsiedlung von etwa einer Million Vertriebenen vorzubereiten. Doch es liegt nahe, daß bei einer solchen Erörterung das Vertriebenenproblem in seiner Gesamtheit zur Sprache kommen wird.

Besonders erfreulich ist es, daß die amerikanischen Beobachter das Auswanderungsproblem nicht einseitig, sondern von allen in Betracht zu ziehenden Standpunkten geprüft haben, also auch im Hinblick auf die Folgen einer Massenauswanderung für die deutsche Volkswirtschaft. Der 200 Seiten starke Bericht erkennt an, daß man ihr weder die so dringend benötigten Facharbeiter, noch die durch die Kriegsverluste bedrohlich zusammengeschrumpften leistungsfähigen mittleren Jahrgänge in großem Umfang entziehen kann. Zahl und berufliche Aufgliederung der für eine Auswanderung in Betracht kommenden Vertriebenen müßten, so heißt es wörtlich, sorgfältig unter der Leitung der Bundesregierung geprüft werden.

Für die Auswanderung sollen, wie der Walter-Bericht weiter feststellt, vor allem landwirtschaftliche Arbeiter vorgesehen werden. Es gibt zur Zeit in Westdeutschland etwa 250 000 heimatvertriebene Bauern, die früher selbständig waren. Von ihnen konnten bisher nur ungefähr 10 000 wieder selbständige Landwirte werden. Die Zahl der noch durch eine Bodenreform erreichbaren Siedlerstellen schätzt man auf höchstens 100 000. Es bleiben 140 000 bäuerliche Familien oder 600 000 Familienmitglieder, die nur durch Auswanderung wieder zu eigenem Grund und Boden kommen könnten. Die Finanzierung einer so großen Umsiedlungsaktion allerdings wird Deutschland nicht allein übernehmen können.

Es sind zweifellos noch viele Probleme zu lösen, ehe die großzügige geplante Auswanderung angelaufen sein wird. Doch der Anfang ist gemacht. Die Welt ist im Begriff, das Vertriebenenproblem nicht nur in seiner internationalen Tragweite zu erkennen, sondern sogar daraus Konsequenzen zu ziehen. Das ist eine gute Botschaft. Noch steht die Tür nicht offen, durch die verzweifelte Menschen in eine neue Heimat wandern möchten, und die als Ventil zur Beseitigung eines gefährlichen Überdrucks in der Bundesrepublik dienen könnte. Aber sie scheint sich zu öffnen. Francis E. Walter hat den Schlüssel im Schloß herumgedreht. R. S.