Die kommunistisch gesteuerte „Freie Deutsche Jugend“, die sich stark macht, in Berlin am Pfingsttag propagandistisch zu marschieren, hatte 156 westdeutsche Studenten zu einem dreiwöchentlichen Aufenthalt in die Ostzone geladen. „Ihr werdet die Möglichkeit haben“ – so versprach man ihnen – „alles zu sehen, was Ihr sehen wollt!“ Ein großzügiges Entgegenkommen; es wurde großzügig erfüllt. „Die Gelegenheit war einmalig“, sagte einer der Studenten, ein Hamburger, „deshalb notierte ich alles auf, was ich sah und hörte ...“

Der Bahnhofslautsprecher in Schwerin verkündete:der Personenzug aus Bad Kleinen läuft Bahnsteig drei ein! Deutsche Jugend, auf zum Deutschlandtreffen nach Berlin! Reisende nach Ludwigslust, Wittenberge fahren 14 Uhr 30 Bahnsteig zwo weiter! Der Ehrgeiz jedes Jugendlichen: Pfingsten in Berlin für den Frieden zu kämpfen! Der Zug hat in Wittenberge Anschluß an den Interzonenzug nach Hamburg! Deutsche Jugend! Auf zum...“

Wer ist diese „Freie Deutsche Jugend“, die im Zeichen der ostzonalen’ „Nationalen Front“ mehr und mehr aktiv geworden ist? Diese Jugend, die für ihren pfingstlichen Propagandamarsch so wild die Reklametrommel rührt, daß viele Menschen in Westdeutschland wie gebannt den Berliner Ereignissen entgegenstarren, fürchtend, die gut vorbereitete Westberliner Feuerwehr möchte mit ihren Wasserschläuchen vielleicht nicht stark genug sein, notfalls die erhitzten Gemüter zu kühlen? – „Die FDJ ist eine unabhängige Jugendorganisation“, so wurde uns immer wieder erklärt. „In ihr sind alle Parteien vertreten.“ Ist das wirklich so? „Ja, das stimmt durchaus“, bestätigte uns ein maßgebender CDU-Funktionär. „Jedoch haben alle Parteien außer der SED keinen Einfluß auf die ideologische Erziehung der Jugend“. Es war der Zentralrat der „FDJ“, der uns westdeutsche Studenten eingeladen hatte, und so war uns reichlich Gelegenheit gegeben, am Leben ihrer Organisation teilzunehmen. Wir fanden viele, viele begeisterte Idealisten, die bereit waren, ihre persönlichen Interessen für die des Staates aufzugeben. Sie singen und sagen: „Wir werden den Spaten mit dem Gewehr vertauschen, wenn es sein muß...“ und unter einem solchen Motto steht auch das „Gesetz zur Förderung der Jugend“, zu dem Walter Ulbricht sagte: „Jeder Jugendliche muß von tiefem Haß erfüllt sein gegen jene Deutschen, die zu Werkzeugen der imperialistischen Unterdrückung und Kriegspolitik in Westdeutschland geworden sind. Unsere Jugend soll lernen, in der Nationalen Front für die Einheit Deutschlands zu kämpfen. Das Heldentum unserer Jugend wird seinen Ausdruck finden, in der höchsten Pflichterfüllung gegenüber ihrem Vaterland, das „Demokratisches Deutschland’ heißt.“ So weit Ulbricht, und man wird verstehen, daß wir westdeutschen Gäste uns unseren eigenen Vers darauf machten ...

Die Unterorganisation der „FDJ“ sind die „Jungen Pioniere“, in der die Sechs- bis Vierzehnjährigen „erfaßt“ werden. Ich sprach mit vielen Eltern, die heute vor dem gleichen Problem stehen, vor dem sie auch im „Tausendjährigen Reich“ standen, wenn ihr zehnjähriger Junge halbweinend fragt: „Muddl, warum darf ich denn nicht zu den Pionieren?“ Darf er nicht, so ist das schulische oder berufliche Weiterkommen des Jungen gefährdet; darf er aber zu den „Pionieren“, dann müssen die Eltern eben in Kauf nehmen, daß ihr Kind zum fanatischen Anhänger eines totalitären Regimes erzogen und damit zu ihrem, der Eltern eigenem Feind, gemacht wird. Viele Eltern trösten sich mit dem vagen Satz: „Es wird wohl nicht so weit kommen...“ Die SED-Erzieher jedoch haben der Jugend andere Sätze beigebracht, zum Beispiel folgenden, der nicht aus einem alten Jahrgang des „Völkischen Beobachters“, sondern aus dem Kampfprogramm der „FDJ“ für das „Friedenstreffen“ im pfingstlichen Berlin stammt: „Wenn es notwendig ist, werden wir den Spaten mit dem Gewehr vertauschen, um die Freiheit, den Frieden und ein glückliches Leben für unser Volk zu erkämpfen!“ So spricht die ostzonale Jugend heute von „Kampf“ und „Frieden“, als sei dies ein und dasselbe Wort. Aber in Dresden, an einer Häuserreine lasen wir eine Inschrift, die uns recht eindeutig schien: „Kampf den Zerstörern Dresdens!“ – „Das sei doch kein sehr friedliches Plakat“, fragten wir den sächsischen Minister für Volksbildung, Herrn Holzhauer. „Wir sind keine Pazifisten“, meinte der Minister, „wir müssen uns für den Frieden wappnen“. Den Terminus „Bewaffneter Frieden“ hätten wir doch schon im „Tausendjährigen Reich“ gehört, argwöhnten wir. Worauf der Minister harmlos erwiderte: „Wir sprechen nun einmal die Sprache, die Hitler auch gesprochen hat. Deshalb ist es nicht Verwunderlich, daß Sie einige Ähnlichkeit in terminologischer Hinsicht finden...“ Derselbe Minister sagte: „Auf unseren Universitäten sollen die begabtesten Kräfte unseres Volkes studieren können, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. 50 v. H. der Studierenden sollen Arbeiter- und Bauernkinder sein. Sie bilden die A.- und B.-Fakultäten, an denen die Teilnehmer ohne Abitur auf das Studium vorbereitet werden. Die Zulassung ist unabhängig von Partei- oder FDJ-Zugehörigkeit.“ – Fragen wir also einen der Studenten, von denen der Minister soeben sprach: „Wir sind selbstverständlich hundertprozentig in der FDJ“, antwortete ein Student der A.- und B.-Fakultät lächelnd und erklärte, daß die Zulassungskommission ja nur ideologische Prüfungsfragen stelle. Man müsse gesellschaftliche – das ist: politische – Aktivität nachweisen können. Und die Bescheinigungen darüber stelle nun einmal die „FDJ“ aus ... „Wie die Studierenden aber tatsächlich eingestellt sind“, sagte dieser Student, „weiß ich nicht. Wir sprechen nicht darüber; schon oft hat einer etwas gesagt, und es kostete den Studienplatz“. Übrigens sind 50 v. H. der Angehörigen der A.- und B.-Fakultät nicht Arbeiter- und Bauernkinder, sondern Söhne und Töchter politischer Funktionäre. „Warum ich nicht studiere?“ sagte deshalb eine Leipziger Abiturientin. „Im Vertrauen, lieber Herr, wie stellen Sie sich das vor? Ich bin die Tochter eines Akademikers und nicht in der FDJ!“

Das war jene freie Meinungsäußerung, die auch die ostzonale Verfassung garantiert; nur – die Leipziger Abiturientin hätte nicht „im Vertrauen“ sagen dürfen; dies war es, was uns stutzig machte. Doch hatte uns Seine Magnifizenz, der Rektor der Universität Leipzig, Prof. Dr. Hans-Georg Meyer, nicht ans Herz gelegt, wir aus Westdeutschland sollten unsere Vorurteile ablegen und uns selbst ein Urteil bilden? So fragte ich den Kellner, der mich in einem HO-Restaurant bediente, ob es ihm heute besser gefiele als früher. „Dazu kann ich nichts sagen“, meinte er. Warum der Kellner nichts sagen könne, fragte ich eine Dame, die am gleichen Tisch saß. „Der weiß ja gar nicht, wer Sie sind...“ Und später erklärte uns der Kreisrat von Oschatz das Verhalten der Bevölkerung: „Bei uns herrscht der Grundsatz: Erhöhte Wachsamkeit! Die Bevölkerung muß sich schützen gegen westliche Agenten und Provokateure! Selbstverständlich können reaktionäre, staatsfeindliche Äußerungen nicht geduldet werden“. Ein Beispiel für diese fortschrittliche Unduldsamkeit fanden wir dann schließlich in der „Jungen Welt“, dem Zentralorgan der „FDJ“ in der Nummer 28 unter der Überschrift: „Demaskierung in einer Oberschule“. Hier der Text: „...der Lehrer Dr. Keil log seinen Schülern vor, das polnische Volk ließe die schlesischen Gebiete verwildern. Die ganze Schulgruppe war mit reaktionären Elementen durchsetzt. Der Kreisvorstand Magdeburg der FDJ beschloß, erst nach einer genauen Überprüfung der Schüler und der Lehrerschaft und der Entfernung aller reaktionär Elemente die Schultätigkeit wiederaufzunelmen“, – Da sieht man, welche Macht die „Freie Deutsche Jugend“ heute ausübt und unter wessen Befehl sie steht. Ein Professor der Universität Leipzig formulierte seine Ansicht folgendermaßen: „Die ganze Ostzone ist ein russisches Konzentrationslager auf Bewährungsfrist“. Und richtig, als ein Beamter der Planungsbehörde uns auf einem Rundgang die „Wiederaufbau tätigkeit“ in Dresden zeigte, die Wiederherstellung des Zwingers, der Oper, der Brühlschen Terrasse, mit uns erklärte, es würden fortan 150 Aktivisten- und 700 andere Wohnungen im Jahr gebaut werden, passierte ein ungefähr 60jähriger Herr unsere Gruppe und lachte – leise: „Es wild ja gar nicht gebaut, es ist ja gar kein Geld vorhanden!“ Daraufhin trat ein FDJ-ler an ihn heran: „Halten Sie gefälligst Ihre Fresse und gehen Sie weiter!“

Das war ein echter Vertreter der Jugend, die in Berlin marschieren will. So auch jener Volkspolizist war echt und jung, der uns zum Abschied sagte: „Die Einheit Deutschlands werden wir bald haben, Freunde! Wartet ab, im nächsten Jahr werde ich in Hamburg den Verkehr regeln!“

„Walzstraße der Jugend“, so hat man eine Neuanlage des volkseigenen Stahl- und Walzwerks zu Riesa getauft, das früher dem Flick-, Konzern angehörte, danach von den Russen restlos demontiert und kürzlich von den Deutschen aus eigener Kraft wiederaufgebaut wurde. Die andere neue Walzstraße heißt „Walzstraße des Friedens“. Wir sahen alles genau an und entdeckten, daß ausnahmslos westdeutsche Maschinen der Firma Schloemann, Düsseldorf, vorhanden waren. Ich fragte einen der Arbeiter, wielange er Her sei. „Seit 1924!“