Ginge es in der Welt mit rechten Dingen ja, so wäre 1950 eine deutsche Ausgabe von E. M. Forsten 1910 erschienenem Roman „Howards End“ nur unter den selbstverständlichen Neuauflagen zu verzeichnen. Tatsächlich ist aber das Werk, das W. E. Süskind nun für den Verlag Claaßen & Goverts, Hamburg und Baden-Baden, übersetzt hat (nervig und geistvoll wie stets), für die meisten Leser in Deutschland neu, und selbst von denen, die es, weil sie von Berufs wegen mit Büchern zu tun haben, längst kennen müßten, brauchen nur ganz wenige hier keine Lücke ihrer Kenntnis einzugestehen. Das ist eine seltsame Lage, denn Forster ist, obwohl er seit 1924 nichts Erzählendes veröffentlicht hat, ein Autor, sei dem in England (und auch in Amerika) alle jüngeren mit um so größerem Respekt aufteilen, je mehr sie selbst zu sagen haben – ein großer alter Mann von unbestrittener, wenngleich meist stummer Autorität in Dingen des literarischen Metiers nicht nur, sondern auch da – Motilität, des öffentlichen Taktes und des heiteren Tones.

Versäumnisse solcher Art beflissen aufzuholen, möchte an sich nur Sache eines trockenen Eifers sein, das, was im Ausland Ansehen hat, auch einem deutschen Publikum zu präsentieren. Aber im Fall Förster sieht der Empfindliche sogleich, daß ganz andere Maßstäbe gelten müssen. Verwunderung, daß dies Buch schon vierzig Jahre alt ist, stellt sich unwiderstehlich ein, und am Ende bleibt dem kritischen Sinn nur eine gleichsam dogmatische Frage: worin denn wohl die unüberholbare Modernität, die Frische und Endgültigkeit, kurz die klassische Größe dieses Werkes begründet sein mag.

Förster selbst hat in seinen Cambridger Vorlesungen über den englischen Roman 1927 („Ansichten des Romans jetzt deutsch von kalter Schürenberg im Suhrkamp-Verlag) eine wichtige Unterscheidung gefunden: die zwischen „Geschichte“ und „Fabel“ im Roman. „Geschichte“ (story) ist das, was den Leser neugierig macht, „wie es weiter geht“. In Howards End ist das der Bericht, wie zwei Familien, die Wilcox und die Schlegels, miteinander in Berührung, in Verbindung, in Verquickung und endlich in resignierte Verschmelzung kommen. Die „Fibel“. vom eilenden, gespannten Leser nicht wahrgenommen, vom aufmerkenden nach ihrem Sinn befragt („was will er, der Autor, damit sagen?“), verknüpft die Fakten der story zu einem Zusammenhang, der vom Autor sozusagen arrangiert ist; sie ist das Drahtgeflecht, in das die Figuren, so lebendig sie auch sein mögen, immer wieder angefangen werden müssen, soll der Roman nicht zerfallen. Die Fabel in Howards End? Sie steckt ungesagt in der story und kommt nur ganz gelegentlich in einer Art Regiebemerkung zum Vorschein, etwa gegen Ende der Handlung, wo der Autor sagt: „Die Ereignisse folgten einander in höchst logischer, dabei aber völlig sinnloser Reihenfolge. Die Menschen verloren ihr Menschliches und nahmen Wertstufen an, von einer Willkürlichkeit wie die der Karten in einem Kartenspiel.“ Bis es dahin kommt, wagte der Leser, wie verstrickt in die Vorgänge, kaum aufzusehen und wird nun von dem grellen Licht der Erkenntnis überwältigt, daß er einer immer fortschreitenden Zerfällung menschlicher Substanz beigewohnt hat.

Die Wilcox und die Schlegels, das sind, vom Ende her gesehen, die zwei Möglichkeiten, die Substanz einzubüßen, die bei Ruth Howard, der ersten Mrs. Wilcox, noch ungeschieden da war und sich als sicherer Takt, als Ausgewogenheit, als durchdringender und geistiger Wirklichkeitssinn bewährte. In den Wilcox hat sich das Praktische, in den Schlegels das Geistige vom Kern abgespalten. Sie streben unbewußt zusammmen, als könnten sie einander ergänzen, und werden einander doch immer fremder – am fremdesten, als sie in einem Familienverband zusammengefügt sind. Die Praktischen sind ohne moralisches Gedächtnis, die Geistigen ohne Augenmaß für die Realität. Das Resultat ist Katastrophe, Haß und fauler Abendfrieden. Howards Ende.

Dies etwa ist der Extrakt der Fabel, aber er ist eingelassen in purstes Dasein unverwechselbarer, reich durchmodellierter Personen. Äußerste Illusion der Sinnfälligkeit und verzweigteste Gleichnishaftigkeit in einer und derselben Romanhandlung zu verbinden, das vermag nur ein großer, ein ganz großer Autor. Tolstoj etwa. Und Forster. Christian E. Lewalter