Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G. London, im Mai

Vor einigen Monaten hat eine Studien-Kommission der UNO unter Leitung eines amerikanischen Bewässerungs-Ingenieurs von der Tennessee Valley Authority arabische Fluß-Regulierungsprojekte unter dem doppelten Gesichtspunkt der schnellen Arbeitsbeschaffung für arabische Flüchtlinge aus Palästina und der langfristigen Hebung des Lebensstandards geprüft. Die arabischen Pläne jedoch waren vage oder unvollständig. Der TVA-Fachmann empfahl, nur Versuchsarbeiten einzuleiten am oberen und unteren Jordan sowie in Syrien und in Libanon. Ein beratendes Komitee der UNO bereist daher gegenwärtig Vorderasien, um diese Projekte, für die 55 Millionen ausgeworfen sind, in die Tat umzusetzen.

Uninteressante Kleinigkeiten, gemessen an Marshallplan und Asienhilfe? Die drei Außenminister in London sind ganz entschieden anderer Ansicht. In den Vorarbeiten für die Konferenz hat der Nahe Osten eine erhebliche Beachtung gefunden. Die britische Anerkennung Israels und die Anerkennung der durch König Abdullah vorgenommenen Einverleibung palästinensischen Gebietes in Jordan sind nicht umsonst am Vorabend der Londoner Begegnungen verkündet worden: Sie sollen den jüdisch-arabischen Frieden einleiten, der sich in Palästina zu entwickeln beginnt. Sie sollen vor allem an den arabischen Realismus appellieren, dank dessen die Arabische Liga heute zwar noch protestiert, jedoch nicht mehr handelt. Sie sollen auch die westliche Wachsamkeit im Nahen Ostendemonstrieren, eine Wachsamkeit, die sich auch auf Persien und auf Ägypten erstreckt.

Natürlich ist es, wie ein Sprecher des Londoner Foreign Office sich ausdrückte, nicht Aufgabe des neuen Oberkommandierenden im Nahen Osten, des Generals Sir Brian Robertson, außenpolitische Verhandlungen mit Kairo zu führen. Doch bahnt sich anscheinend erneut ein britischägyptisches Gespräch an. Es kam schon einmal, zwecks Revision des 1956 ablaufenden Vertrages, in Gang, stockte jedoch zuerst über die künftige Selbständigkeit des Sudans, dann über die moralische Unterstützung Londons für Israel. Für England geht es dabei in erster Linie um die internationale Freiheit der Suezkanal-Zone und ihrer international-militärischen Sicherung ohne Verletzung der jungen, empfindlichen ägyptischen Souveränitätsgefühle.

Man ist sich in London durchaus bewußt, daß man. auch hier gegen Moskau operieren muß. Jeden Augenblick, so meint man, könne Moskau sich entschließen, den Druck vom Fernen auf den Nahen Osten zu verlagern; Grund genug, um eine gemeinsame Politik der Befriedung für den Vorderen Orient zu suchen. Vielleicht sogar Grund genug, um die britisch-amerikanische Öl-Rivalität taktvoll zu übergehen, in der die Amerikaner mit so großen Schritten voraneilen...

Offen bleibt noch die Frage, nachdem ein Friede zwischen den jüdischen und arabischen Nachbarn in Aussicht steht: Was wird aus Jerusalem? Juden und Araber haben sich die Kontrolle über ihre Heiligtümer gesichert; die christliche Welt wartet auf den Zugang zu ihrem Jerusalem. Internationale Neutralisierung scheint unerreichbar; doch mit fortschreitendem Frieden zwischen Juden und Arabern – näher vielleicht, als es die zuschauenden Zyniker wahrhaben vollen – sollte wenigstens ein Weg für den christlichen Gast sich öffnen. Auch dies würde einem stabilen Frieden dienlich sein.