Von Richard Tüngel

Es gibt kein Ideal der Menschheit, das die Sowjetpolitiker nicht bedenkenlos für ihre lügenhafte Propaganda mißbrauchen Alle Menschen in der Welt sehnen sich heute nach Frieden. Überall herrscht Angst vor einer neuen Weltkatastrophe, Angst vor den unausdenkbaren Schrecken eines Atomkrieges. Anstatt nun durch eine ehrliche friedliebende Politik die Furcht zu bannen, beutet der Kreml die Sehnsucht nach Frieden aus, um seine auf den Bürgerkrieg gerichtete kommunistische Propaganda in den Ländern außerhalb des Eisernen Vorhangs zu verstärken. Seine Sendboten haben auf Moskauer Befehl eine Friedensoffensive begonnen. Kommunistisch geleitete Friedenskongresse wurden abgehalten in New York, Paris, Prag, Tokio, Moskau, London, Rom und Stockholm, und Resolutionen gefaßt, für deren Unterzeichnung in den Betrieben und von Haus zu Haus Unterschriften gesammelt werden.

Für denjenigen, der keine Kenntnis von den Hintergründen der kommunistischen Friedensoffensive hat, müssen die Beschlüsse dieser Kongresse offenbar harmlos und geradezu überzeugend klingen, nicht nur für alte Mütterchen, sondern auch für Schriftsteller vom Range eines Thomas Mann, der zum Jubel der Prawda kürzlich in New York bei der „Tagung der Wissenschaftler, Künstler und freien Berufe“ verkündete, es sei lächerlich, alle diejenigen, die die Friedensmanifeste unterschrieben, zu Kommunisten zu stempeln. Was könnte auch treuherziger klingen als der Aufruf, den der „Ständige Ausschuß des Weltfriedenskongresses“ nach der Stockholmer Tagung veröffentlichte: „Wir fordern das vorbehaltlose Verbot der Atomwaffe als einer Waffe der Terrorisierung und Massenvernichtung von Menschen. Wir fordern die Errichtung einer strengen internationalen Kontrolle über die Durchführung dieses Beschlusses. Wir sind der Meinung, daß die Regierung, die als erste Atomwaffen gegen irgendein Laut anwendet, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht und als Kriegsverbrecher zu bezeichnen ist. Wir appellieren an alle Menschen, die in der ganzen Welt guten Willens sind, diesen Aufruf zu unterschreiben.“

Sehr viel weniger harmlos allerdings klingt es, wenn der gleiche Ausschuß in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Friedensfreunde“ selbst zu seinem eigenen Aufruf Stellung nimmt: „Um einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen, muß man Millionen und aber Millionen von Menschen zu der Forderung nach einem bedingungslosen Verbot der Atomwaffe vereinigen. Die Völker wissen, daß ihre Hauptstütze bei der Verteidigung des Friedens die Sowjetunion und die Länder der Volksdemokratien sind, denen alle räuberischen Bestrebungen fernliegen. Daher bedeutet die Unterstützung der Friedenspolitik der Sowjetunion und der Länder der Volksdemokratie eine Unterstützung der Sache des Friedens.“

Hier, in der Tat, ist der Wolfsrachen unter dem Schafspelz deutlich zu sehen. „Die Sowjetunion, der alle räuberischen Bestrebungen fernliegen?“ Warum denn weigert sich der Kreml unter fadenscheinigen Gründen, den österreichischen Staatsvertrag abzuschließen? Warum verhindert er die Abhaltung wahrhaft freier Wahlen in der deutschen Sowjetzone? Warum zwingt er die Türkei durch Drohungen und politischen Druck zu einer permanenten Mobilisierung ihrer Streitkräfte? Warum sucht er Aserbeidschan von Iran loszureißen? Warum hat er Nord-Korea unter seine Botmäßigkeit gebracht? Warum sucht er Jugoslawien durch Handelskrieg und maßlose Propaganda zu erpressen? Warum dies alles, wenn nicht aus Raubsucht zu dem alleinigen Ziel, das vom Kreml beherrschte Gebiet zu vergrößern?

Zur gleichen Zeit wie der „Ständige Ausschuß des Weltfriedenskongresses“ hat auch der Sowjetliterat Ilja Ehrenburg einen Aufruf erlassen. Er war bereits auf dem Pariser Kongreß der Hauptredner gewesen. Diesmal hat er sich in der Literaturnaja Gazeta an die Schriftsteller des Westens gewandt, „an die, die noch schwanken, denen man einredet, daß sich hinter diesem Aufrufe der Friedensanhänger eine politische Intrige verstecke, die der Meinung sind, daß die Friedenstaube an das berüchtigte Trojanische Pferd erinnert“. Er wendet sich mit beweglichen Worten an einzelne Dichter, so an Hemingway, Steinbeck und Moravia, die noch nicht unterschrieben hätten. Sollte vielleicht einer von ihnen sich eines anderen Aufrufes erinnert haben, in dem Ilja Ehrenburg die Soldaten der sowjetischen Armee aufforderte, die Frauen der eroberten westlichen Länder zu vergewaltigen? „Nehmt alles, was ihnen gehört, ihre Höfe, ihr Vieh – und ihre Frauen, alles gehört euch!“ Und diesen abscheulichen Kriegsverbrecher hat der Kreml zum Apostel des Weltfriedens bestellt!

Eben diese tiefe Verlogenheit aller Moskauer Politik hat dazu geführt, daß die Verhandlungen in der UNO über eine internationale Kontrolle der Atomwaffe, so wie sie nunmehr der Stockholmer Ausschuß vorschlägt, an dem Veto des sowjetischen Vertreters immer wieder scheiterten. Vielleicht waren die Forderungen des Westens hin und wieder überspitzt. Welcher verantwortliche Staatsmann aber könnte einer Regierung trauen, die ihre Grenzen gegen alle Beobachter hermetisch schließt, und deren offizieller Nachrichtendienst fast nur aus verlogener Propaganda besteht?

Man sollte jedoch im Westen sich nicht damit begnügen, die Hinterhältigkeit dieser Friedenspropaganda zu entlarven. Man sollte vielmehr auch hier versuchen, aktiv vorzugehen. Die Parlamente der westlichen Länder sollten gemeinsam einen Aufruf veröffentlichen, der sich gegen die abscheuliche Politik der Sowjetunion wendet, die Frieden und Freiheit in der Welt zu vernichten trachtet.