Der Lauf der Gestirne ist nicht ein anderer geworden, weil und seitdem die Astronomie im zu berechnen begonnen hat... Wie aber ist es, wenn der Mensch über den Menschen nachdenkt?“ Mit dieser Frage führt Theodor Litt, der jetzt in Bonn lebende Philosoph (Wege und Irrwege geschichtlichen Denkens, R. Piper & Co. Verlag, München, und Geschichtswissenschaft und Geschichtsphilosophie, F. Bruckmann Verlag, München), in ein zentrales Problem unserer Zeit ein. Und er antwortet: „Kein Zweifel, daß sein ganzer seelischer Haushalt sich umorganisiert, sobald diese Selbsterforschung einsetzt.“ Daher ist Geschichtsbetrachtung „dasIneinandertauchen von Betrachter und Betrachtetem“, das man als „Verstehen“ bezeichnet, und Geschichte ist Selbsterkenntnis.

Mit dieser Feststellung ist eine Gefahr verbunden. Nämlich die, daß der in diesem Sinne geschichtlich denkende Mensch alsbald zu der Überzeugung kommt, er denke nicht mehr als Individuum, sondern „in ihm denke das Ganze“, die geschichtliche Gemeinschaft selbst. Damit hört die Geschichte auf, die Resultante aus den verantwortlichen Entscheidungen der Individuen zu sein. Sie wird zu einem aus eigener Automatik rollenden Vehikel, das weder durch menschliche Entscheidungen angetrieben, noch durch menschliche Verantwortung gebremst wird, sondern sich nach dem Fahrplan der „geschichtlichen Notwendigkeit“ bewegt. Mag auch die bewußte Ableitung dieser „geschichtlichen Notwendigkeit“ nur für den vorwiegend Intellektuellen gelten, so ist doch sicher, daß sie als Schlagwort jedem geläufig ist, der unser Jahrhundert miterlebt. Es nützt nichts, daß dieses Schlagwort leer ist, wichtig ist allein, daß es wirksam ist, daß es geglaubt wird. Und das ist eine Tatsache. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, legt Litt, dessen Argumentation sich hier auf eine glänzende Höhe erhebt, mit der größten Schonungslosigkeit bloß. Er führt nämlich den überraschenden Nachweis, daß der Glaube an die „geschichtliche Notwendigkeit“ beide Bedingungen der Katastrophe, nämlich die Lethargie der Menge und die Selbst-, Bevollmächtigung des Führers ermöglicht.

Es ergibt sich, daß das Schlagwort von der „geschichtlichen Notwendigkeit“ die breite Menge überzeugt, daß ihre Fähigkeit, auf Ereignisse von geschichtlicher Größenordnung einzuwirken, gleich Null sei; daß man nicht etwas aus der Bahn drängen könne, was durch ein Geschehen von viel höherer Ordnung bestimmt sei. „Ihre ganze Durchschlagskraft“, sagt Litt, „gewinnen – diese Überlegungen erst dann, wenn sie sich mit solchen Regungen des Individuums verbünden, die ohnehin einem an sich möglichen oder geforderten Handeln widerstreben. Es ist dem Menschen manchmal unendlich willkommen, wenn er sich in seiner Abneigung gegen bestimmte Handlungen, die im Grunde naheliegen, durch solche Erwägungen kann bestärken lassen, die seiner Weigerung ein höheres Recht zu verleihen scheinen. Zu solchem Beistand ist die fragliche Geschichtsauffassung wie wenige geeignet... Was war, galt es die Stimme des Gewissens zum Shweigen zu bringen, verlockender?... Wie lacht gingen manchem die Formeln von den Lippen: Revolutionen werden nicht mit Glacéhandschuhen gemacht‘ – ‚Wo gehobelt wird, fallen Späne‘.“

Es ergibt sich aber auf der andern Seite, daß der Glaube an die „geschichtliche Notwendigkeit“ bei Charakteren anderer Art eine genau gegenteilige Virkung hervorruft: indem nämlich diese Charaktere – nennen wir sie Aktivisten oder Führerpersönlichkeiten – sich für berufen halten, zum Vollstrecker dieser „geschichtlichen Notwendigkeit“ zu werden, die sich ja nicht anders als durch die Taten menschlicher Individuen realisieren kann. „Auf diese Weise entzündet sich an der Idee der geschichtlichen Notwendigkeit‘ ein den ganzen Menschen durchglühendes Sendungsbewußtsein ... Auch er wird sich weigern, irgendwelchen Rücksichten Raum zu gewähren, irgendwelche Verpflichtungen anzuerkennen, deren Bejahung ihn nötigen würde, sich als Individuum mit der geschichtlichen Notwendigkeit‘ in Widerspruch zu setzen ...“

Litt zieht die Folgerung: „Der Tatverzicht der einen räumt dem Tatwillen der anderen jedes Hindernis aus dem Weg.“ Beide finden sich im 2eichen der nämlichen Geschichtsdeutung zusammen als unumschränkt Gebietende und widerstandslos sich Fügende...“ Das ist eine wahrhaft tiefe Durchleuchtung ganz wesentlicher psychologischer Vorgänge, wie sie sich innerhalb einer totalitär organisierten Gemeinschaft vorfinden, und nicht nur in der, die wir erlebt haben. Ja, Hunderttausende von Menschen beider Typen werden sich, indem sie die Gedankengänge Litts zur Kenntnis nehmen, geradezu wiederzuerkennen vermögen. Trotzdem gerät der Leser in eine gewisse Besorgnis, wie das Problem lösbar sein möchte, das damit aufgestellt ist. Litt löst es mit der Feststellung, daß jenes geschichtliche Denken, von dem eingangs die Rede war, nur für die Betrachtung der „vergangenen“ Geschichte statthaben könne, während das Individuum in der „gegenwärtigen“ Geschichte auf dem Feld verantwortlicher Entscheidung stehe.

Möglicherweise überschätzt Litt die Wirksamkeit des geschichtlichen Denkens auf die „gegenwärtige“ Geschichte, in der die Individuenmeist ja noch aus ganz anderen Motiven (etwa Furcht oder Machtgier) handeln, wobei sie die ihnen aus dem geschichtlichen Denken zukommenden Thesen, die ihnen meist als Schlagwörter fertig offeriert werden, nur als Argumente und Ausreden, sich selbst und andern gegenüber, gebrauchen. Die „geschichtliche Notwendigkeit“, die aus eigener Automatik und ohne Teilnahme verantwortlicher Individuen wirkt und die daher einen „Geist“ oder Sinn der Geschichte voraussetzen würde, die man also nur gewähren lassen oder vollstrecken kann, hat nie und nirgend existiert, noch kann sie existieren, da Geschichte das Ergebnis menschlicher Handlungen ist und da ihre Kausalität aus den Querschnitten menschlicher Charaktere und ihrer Motive hervorgeht. Zuletzt ist es nicht eine Frage der richtigen oder falschen Geschichtsauffassung, wie gehandelt wird, sondern eine Frage der Moral.

W. Fredericia