Von unserem nach Spanien entsandtefi Bedaktionsmitgiied Marion Gräfin Dönhoff

Madrid, im Mai

Dies also ist das geheimnisvolle Land jenseits der Pyrenäen, der Eckpfeiler Europas, von dem im Kreise der Westeuropäer nicht gesprochen wird... Als wir am Morgen in Perpignan, dem kleinen Städtchen im Südwesten Frankreichs, aus dem Hotelfenster schauten, sahen wir in der Ferne die lange Kette der Berge, die wie ein monumentaler Eiserner Vorhang das Ende der uns vertrauten Welt markiert. Bis an den Fuß des Gebirges ziehen sich die endlosen Weinplantagen, durch die wir dann tagelang gefahren sind –, nicht die terrassenförmigen Weinberge, wie man sie vom Rhein her kennt, sondern richtige Felder, auf denen die hier ganz kurz geschnittenen Stämme mit dem Pflug behäufelt werden. Wein, immer wieder Wein. Kein Getreide, keine Tiere. Nur selten ein Dorf.

Es war ein langer Weg durch Italien und Frankreich bis an die Pforte des verschlossenen Landes. San Remo, Mentone, Nizza, Monte Carlo, Cannes – die ganze versunkene Welt der Riviera, die wie eine endlose Filmkulisse an uns vorbeizog mit riesigen Hotelpalästen und vergessenen Villen in üppig wuchernden Gärten. Palmen, Agaven, Meeresrauschen, das blaue Licht südlicher Tage und Nächte, die Spiel-Kasinos und der operettenhafte Schloßhof von Monaco – diese ganze Atmosphäre der „großen internationalen Welt“ zur Zeit unserer Väter und Großväter, die heute etwas beängstigend Unwirkliches hat! Sie fristet ein seltsam anachronistisches Dasein am Rande des großen Chaos. Und dort, an der Küste des Mittelmeeres, klammert sie sich dennoch an den Kontinent, mit dessen Realität sie nichts mehr zu tun hat.

Wenn man von Norddeutschland kommt, fällt einem in den südlichen Ländern im allgemeinem nur das ihnen Gemeinsame auf, das typisch Romanische, die raschen Reaktionen der Menschen und ihre Kunst, auf heitere Weise mit dem Leben fertig zu werden, Armut und Luxus, roter Wein, weißes Brot und helle Sonne. Das Trennende wird um so deutlicher, wenn man die drei romanischen Länder nebeneinander sieht. Schon Italien und Südfrankreich sind im Charakter und Lebensrhythmus erstaunlich verschieden, und wenn man dann über die Berge, die wie eine Isolierschicht die iberische Halbinsel von Europa trennen, nach Spanien hineinfährt, beginnt eine vollkommen andere Welt.

Die Grenzrevision wurde mit großer Liebenswürdigkeit absolviert – es sei schon einmal im Juni vorigen Jahres ein deutscher Wagen hier über die Grenze gefahren, meinte einer der Zollbeamten und erweckte damit bei uns den erregenden Stolz einer Am „Zweit-Besteigung“. Und wirklich hat man hier ständig das Gefühl, auf einer Entdeckungsreise in bisher unbekannte Gefilde zu sein. Ist es die Vielschichtigkeit der historischen Entwicklung oder die Nähe des Orients, der weit und tief in das Land hinein gegriffen und seine Menschen deutlich spürbar beeindruckt hat? Oder ist es die Landschaft selbst, die nichts mehr mit Europa gemein hat?

Unvorstellbar einsam und großartig ist das Bild dies Landes in Katalonien, Aragon und Kastilien. Die 650 Kilometer von Barcelona über Saragossa nach Madrid führten fast ununterbrochen über scheinbar endlose Plateaus und Höhenzüge – rötlichbraune Felsen, graugrünes Steppengras und hin und wieder verstreutes Buschwerk. In regelmäßigen weiten Abständen steht ein einzelnes Haus am Weg. Es ist immer der gleiche Typ: niedrig, weiß gekalkt mit großer blauer Aufschrift, welche die Entfernung nach Madrid angibt, ein Straßenwärter-Haus. Selten einmal eine Ortschaft; und wenn man nicht gerade mitten hindurchfährt, sieht man sie kaum, so sehr passen sich die gelbbraunen Hütten dem Gelände an. Es ist wie eine Mondlandschaft, und die Menschen, denen man in ihr begegnet, scheinen ganz verloren, wenn sie auf ihren Eseln zu den kümmerlichen Feldern reiten, die oft Stunden weit von den spärlich verstreuten Dörfern entfernt sind.