Otto Braun, der heute als Achtundsiebzigjähriger in der Schweiz lebt, hat eines der Schicksalsprobleme der deutschen Politik, den Dualismus Preußen–Deutschland, von 1920 bis 1932 fast ohne Unterbrechung mit seinem Namen und seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident verbunden. Heute ist er ein schweigender Beobachter. Diese politische Askese mag nicht nur die Enthaltung des Alters sein. Sein Abgang von der politischen Bühne war ja schon, mehr als ein halbes Jahr vor der offiziellen Machtübernahme Hitlers, die Resignation gegenüber dem Terror der Gewalt.

In seinem Buch „Von Weimar zu Hitler“ (Europa Verlag, Zürich) liefert er für sich und die Weimarer Republik den Nachweis, warum es so kommen mußte, und es gehört zum besonderen Wert dieses sparsam und entwaffnend offen geschriebenen Berichtes, wie er in den mangelhaften Kontakten zwischen dem Reich und den Ländern wesentliche Gefahrenquellen für die Demokratie aufzeigt.

Natürlich bleibt seine Perspektive nicht frei von dem Vorurteil, daß die preußische Politik seiner zwölfjährigen Regierungszeit auch die für. das Reich gemäße gewesen wäre. Aber diese unverhohlene Subjektivität wird gemildert durch die Summe von Einsichten und Anmerkungen darüber, wie Vorsatz und Machtmöglichkeit, Wille und Vernunft einander ausschlössen.

Das Wichtigste an dem ist die Sachlichkeit, mit der Braun, ohne Rücksicht auf seine Partei, seine Mitarbeiter und alle persönlichen Konstellationen, am Bilde seiner Regierungsführung nachweist, wie in die Weimarer Form der Demokratie sichtbar und unsichtbar das Toxin der Zersetzung und Auflösung Jahr um Jahr weiter eingedrungen ist. Von dieser ernüchternden Warte her wird der Braun–Severingsche Verzicht auf den preußischen Widerstand gegen den Papenschen Reichsterror beinahe zum Selbstbekenntnis der demokratischen Schwäche nicht nur dieser Männer, sondern der Institution Weimar überhaupt.

Dazu fügt sich eine andre Erkenntnis: wie mit Otto Braun die revolutionäre Sozialdemokratie aus dem Naiv-Zustand der Opposition in die staatspolitische Verantwortung hineinwuchs und dabei dem Konflikt von Fraktionszwang, Dogmenhörigkeit und Koalitionsnotwendigkeit mit einem immer stabiler werdenden Blick auf die Gesamtkonzeption entging. Daß er freilich innerhalb seiner Partei ein besonderer Fall geworden war, mag die Tatsache bezeichnen, daß er zum Reichspräsidentschaftskandidaten ausersehen wurde, aber ebenso sein Ansehen bis weit in die rechtsbürgerlichen Schichten. In seiner Darstellung teilt er auch Urteile mit, die ihn wenn nicht in die absolute, so doch in die relative Nähe Bismarcks rückten. Er selbst weiß sich von dieser wie von der anderen Wertung frei. Karl Wilbe