Verschiedene Vorgänge haben während der letzten Zeit zu einem „Fall BMW geführt. Die Amerikaner stellen schrittweise die Vergebung von Reparaturaufträgen für Militärfahrzeuge an das Werk Allach der Bayerischen Motoren-Werke ein, und damit besteht die Gefahr, daß den rund 6500 Arbeitern des Werkes nach und nach gekündigt werden muß. Der Betriebsrat der BMW wandte sich daraufhin hilfesuchend an das amerikanische Hohe Kommissariat, und der Bayerische Staatsminister für Wirtschaft überreichte bei der Eröffnung der ERP-Schau in Passau eine BMW-Denkschrift an Mr. McCloy. Nur eine Seite hüllt sich nach wie vor in tiefes Schweigen: der Vorstand und der Aufsichtsrat des Unternehmens. Dieser Umstand verdient größte Beachtung. Es entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, daß die Direktion jegliche Initiative, den Notstand zu beheben, gewerkschaftlichen und staatlichen Institutionen überläßt. Daß hieraus möglicherweise ein Präzedenzfall für das wirtschaftliche Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften entstehen kann, ist offenbar nicht ganz erkannt worden. Wie kann sonst der Vorsitzende des Vorstandes der BMW erklären, daß er den Verlautbarungen des Betriebsrates (über die wirtschaftliche Situation des Werkes Allach!) nichts hinzuzufügen habe.

Es wäre die Aufgabe der Aktionäre, eine Erkläiung zu verlangen, warum der Vorstand sich offensichtlich weitgehend im Kielwasser von Gewerkschaften und Staat bewegt. Da beginnt sich jedoch eine zweite Tragödie abzuzeichnen: das BMW-Aktienkapital von 100 Mill. RM (die RM-Schlußbilanz und die DM-Eröffnungsbilanz stehen noch aus) ist sehr stark gestreut, und die Papiere selbst liegen großenteils im Berliner Wertpapiersammeldepot. Nun ist es heute der Stolz jeder Aktiengesellschaft, die Kapitalumstellung in einem möglichst günstigen Verhältnis vorzunehmen. Nichtsdestoweniger erklärte der Vorstandsvorsitzende, die Zahl von 100 Mill. sei irrelevant; es sei ein reines Zahlenspiel, nichts mehr.

Diese Haltung allein, die der Vorstand eines privaten Großunternehmens gegenüber seinen Arbeitern, seinen Aktionären und der Öffentlichkeit einnimmt, gibt zu Bedenken Anlaß. Daneben gibt es noch weitere ungelöste Fragen rein wirtschaftlichen Charakters: Die BMW haben gegenwärtig einen Jahresumsatz von etwa 30 Mill. DM; die Anlagen (einschließlich des Werkes Allach nach seiner Räumung durch die US-Armee) reichten jedoch für 250 bis 300 Mill. DM und für eine Beschäftigtenzahl von 20 000 bis 25 000 Arbeitern aus. Der Betriebsrat aber erklärte, der Vorstand vertrete die Auffassung, ohne 40 Mill. Kredit könne nichts geschehen, könne kein neuer BMW-Wagen gebaut werden... Norbert Müller