Eine Jugendstil-Schau in Hamburg

Spätgotisches Blattornament wie in den Druckstoffen der Präraffaeliten, ein wenig Botticelli mit einem Schuß Sentimentalität, etwas Rokoko wie in den französischen Möbeln des Salon Bing, viel Romantik in Form und Motiv und sehr viel Japanisches wie in den Linienschwingen bei van de Velde, in den Illustrationen Beardsleys, in den Plakaten von Toulouse-Lautrec oder in Keramiken von Delaherche: das sind die Kennzeichen der Kunst um 1900. Man findet sie jetzt ausgestellt im Museum für Kunst und Gewerbe am Hamburger Steintorplatz. Aber diese künstlerische Bewegung bedeutet nicht viel, wenn sie nur die Summe der genannten Stilkomponenten wäre; jedenfalls nicht viel mehr als der ihr vorangehende sogenannte Historismus, den sie bekämpfte. Sie trägt übrigens den sicherlich zu engen, aber doch bezeichnenden Namen „Jugendstil“; denn es waren zu allererst junge Menschen, die die Bewegung trugen, wie auch der Titel der Münchener Zeitschrift „Die Jugend“ dokumentierte.

Das damals revolutionierend Neue aber zeigt sich, das hat Friedrich Ahlers-Hestermann in seinem schönen Buch „Stilwende“ bewiesen, nach drei Richtungen: einmal in der Wiederentdeckung und Wiederbewertung der Fläche und der Linie, wie sie in der Malerei und in den Werken der Kleinkunst sichtbar werden. Welcher Reichtum an Einfällen in der Führung der Linie, die Henry van de Velde eine Kraft nennt! Die Linie wird zum Ausdrucksträger des Bildes, der Plastik, des Gerätes, der Architektur, besonders in den Eisenbauten, den Bahnhofs- und Ausstellungshallen der Zeit. Das Neue zeigt sich zum andern in dem handwerklichen Ethos, das nichts mehr mit dem Surrogat der Industrie aus der Gründerzeit zu tun haben will, das die Werte des Materials erkennt und mit ihm spielend, sich die künstlerische Wirkung von ihm schenken läßt, Daher der preziöse Reiz der Keramik, des Glases und des Schmuckes, daher die Vorliebe für die Mischung edler Stoffe wie Silber, Gold, Elfenbein und Schildpatt. Das Neue äußert sich schließlich in dem konsequenten Willen, sich über das Lebensganze auszubreiten, damit jedes Gerät, jedes Möbel, jeder Gartenweg zum Kunstwerk werde. Das Motto war: Die Kunst muß auf die Straße gehen! Und es richtete sich an jeden, damit noch der Ärmste von der Kunst angerührt würde. So entstand zum ersten Male das künstlerisch durchgeformte und deshalb so wirksame Plakat. So erhielten auch jedes Kleid, jede Frisur, die Bewegung der Hände und Arme ihre bestimmte Stilform.

Erkennt nicht jeder ein wenig Beobachtende, wie nahe uns diese Zeit ist und wie das, was heute auf diesem Gebiete gewollt wird, damals seinen Anfang nahm, nur daß vieles sich inzwischen ernüchtert hat? Was wir heute sind, und was 1907 der Deutsche Werkbund propagiert hat, wäre ohne die Anfänge um 1900 nicht zu denken. Diese Zusammenhänge sind noch handgreiflicher anschaulich zu machen, wenn man auf die die Entwicklung tragenden Künstlerpersönlichkeiten sieht, von denen viele bis in die Gegenwart gelebt haben oder noch leben: der junge Barlach, der als kopierender Historist anfing und der Welt Richard Wagners nahestand, ging, wie seine hier abgebildete Zeichnung „Sonntagnachmittag“ zeigt, ein gutes Stück auf dem Weg der Reformatoren mit, so daß der Schritt zum Expressionismus nur klein war. Toulouse-Lautrecs, van Goghs, Hodlers, Munchs Einfluß reicht bis in unsere Tage.

Kurt Dingelstedt