Im kommenden Februar geht die Amtszeit des ersten Generalsekretärs der UNO zu Ende. In den Jahren seiner Tätigkeit hat sich Trygve Lie bis zur Selbstverleugnung darum bemüht, ein Friedensinstrument aus dieser internationalen Organisation zu machen, aber die Ereignisse waren stärker als er: Um die Anerkennung Rotchinas zu erzwingen, boykottiert die Sowjetunion seit Monaten den Sicherheitsrat und lähmt seine Arbeiten. So droht die UNO zu einer Organisation der einen Partei im Kalten Krieg zu werden und damit ihren Sinn zu verlieren, wie weiland der Völkerbund an seiner Parteilichkeit zugrunde ging. Eine so tödliche Hypothek will Trygve Lie seinem Nachfolger nicht hinterlassen. Er glaubt, der Kalte Krieg werde nur noch kurze Zeit kalt bleiben, wenn es nicht gelingt, das Gespräch zwischen Ost und West an den Konferenztischen der UNO wieder in Gang zu bringen. Ein Besuch im Kreml sei das wenigste, was man dafür tun könne. So wird zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte der Generalsekretär der Vereinten Nationen auf Moskaus Flugplatz landen.

Trotz aller Dementis dürfte es kein Zufall sein, daß Trygve Lie seine Gespräche mit Wyschinsky und Molotow zur Liquidierung des Kalten Krieges am gleichen Tage beginnt, an dem in London Acheson, Bevin und Schuman über seine Intensivierung verhandeln. Les exterems se touchent, und man kann nie wissen, ob die Anwesenheit eines so .prominenten Internationalen in Moskau gerade in den Tagen der Londoner Konferenz nicht Rücksprache und Rücksprachen notwendig macht, die einen goldenen Mittelweg zwischen Verschärfung und Beilegung des Ost-West-Konflikts weisen könnten. C. D.