Von Roland Nitsche

Ich habe einmal gelesen, jede Bibliothek verrate den Charakter ihres Besitzers; seither lasse ich keinen Fremden mehr in mein Arbeitszimmer. Der Psychologismus unserer Zeit beginnt das Zusammenleben der Menschen schwierig zu machen. Denn daß ich nichts Handschriftliches mehr aus den Händen gebe, seit die Graphologen rasen, versteht sich von selbst, wie überhaupt, daß ich mit meinen Händen vorsichtig umgehe, seitdem auch die Chirologen überhandnehmen. Gegen Kraniologen trage ich meistens Hüte.

Ich weiß nicht, wie die Gelehrten heißen, die aus der geschlossenen Bibliothek meinen Charakter ablesen, wie aus einem offenen Buch; vielleicht Bibliologen. Jedenfalls kommt mir kein Fremder mehr an meine Bücher. Denn wer würde mir glauben, daß meine Bibliothek aus zwei Hauptgruppen besteht: den Büchern, die ich habe und die (in Gottes Namen) Ausdruck meines Charakters sind, und den Büchern, die mich haben und die als Rezensionsexemplare nichts ausdrücken als meinen Beruf.

Auch die Rezensionsexemplare zerfallen wieder in zwei Untergruppen: die, welche man nur zähneknirschend anschauen kann und todsicher bekommt, und die, welche man ums Leben gerne möchte und die niemals kommen. Es kommen Bücher über den Syndikalismus in Italien und die Anfänge baskischer Kultur, über ein Märtyrerleben in China und die Geschichte einer aargauischen Kleinstadt; es kommen Bücher aus der Schweiz, aus Österreich, Deutschland und Italien, und sie alle erreichen den Rezensenten; keine Post erbarmt sich seiner, kein Briefträger will sie unterschlagen. Bücher dagegen, die mich nicht erreichen, sind die letzten Werke von Toynbee, von Curtius, von Litt und jener Band barocker Lyrik, um den ich den Verlag schon zweimal gebeten habe. Und jede Post bringt Neues, jedes Neue wird ein Abenteuer der Hoffnung und des Glaubens. Doch immer ist es wieder ein dicker Band über den Segen von Maschinen beim Hackrübenanbau oder eine Broschüre über die Probleme der Volkswirtschaft in Korsika. Rezensionsmakulatur häuft sich bei mir auf den Tischen, Truhen und Stühlen zu Bergen. Wer wird mir ferner glauben, wenn von meinen Büchern die Rede ist, daß ich hinter jenem dicken, schlecht übersetzten amerikanischen Walzer – dort, wo ich mich nie hinwage, aus Furcht, ein Kochbuch zu finden, das rezensiert sein will – ein dünnes Bändchen Suso-Waldeck weiß und in ihm fünf Verse, die ich so gerne wieder hören möchte? Wen, kommt er als Bibliologe in mein Arbeitszimmer, könnte ich beschwören: Fremder, beurteile mich nicht nach jenen Grundzügen wissenschaftlicher Heilung durch magnetische Pendel. Hinter ihnen steht ein schmales Heft mit Bergengruens Ballade vom Wind, er selbst hat es mir mit lieber Widmung geschenkt, und einmal, irgend einmal tragen mich wieder diese Verse fort:

Preist den Wind! Gott gab dem Winde

oberhalb der Erdenrinde

alles in sein Eigentum.