Viele goldene Worte über die Bedeutung des Fremdenverkehrs wurden unlängst auf dem ersten deutschen Fremdenverkehrstag in Bonn gesprochen. Es sprach zu den fast tausend in- und ausländischen Gästen auch der Bundespräsident, Professor Theodor Heuss, und knüpfte ein paar Anekdoten in seine Rede, sprach von seiner Reise „als Bildungsbeflissener“ nach Griechenland, in die Antike, sprach von seiner Reise zu den französischen Schlachtfeldern nach dem ersten Kriege („Doch Kriegswunden sollten nie mehr Attraktionen des Fremdenverkehrs sein!“) und ließ deutlich werden, wie bedeutsam in den letzten Generationen die politischen, ökonomischen, sozialen und moralischen Umwälzungen waren, die auch das Reisen beeinflußten. („Aber ,Fremdenverkehrsgewerbe‘ ist ein schauderhaftes Wort!“ sagte Heuss.) Der Reisetrieb im Menschen, das Bedürfnis nach Zerstreuung, Ablenkung und Erholung, die Wißbegierde, die Sehnsucht nach der Ferne – es sind instinktive Gesten einer verborgenen Gewalt, die in uns leben! Die Bonner Fremdenverkehrstage machten deutlich, wie sehr man sich bei allen zuständigen Stellen bemüht, die Schönheiten und die Gastlichkeit Deutschlands wieder ins allgemeine Blickfeld und Bewußtsein zu rücken. Es lohnt sich immer noch, in Deutschland zu reisen!

Ein internationales Reiseland müsse Deutschland wieder werden, sagte Minister Seebohm, aber auch deutsche Arbeiter und Angestellte müßten bald wieder in die Lage kommen, billige Urlaubsreisen zu unternehmen. Walter Vogt, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Bädervereins, kündigte die baldige Freigabe der heute noch von alliierten Besatzungseinheiten beschlagnahmten Bäder an. Es sind viele: Bad Oeynhausen, Bad Driburg, Hermannsborn und Eilsen, Bad Tölz, Bad Nauheim und Kreuznach. Von diesen und den anderen Kurstätten sagte Minister Seebohm, daß es nicht ihre Aufgabe sei, Behörden zu beherbergen. Ebensowenig ginge es an, daß militärische Übungen in jenen naturschönen Gebieten veranstaltet würden, die der Erholung dienen sollten. Wie hoch man die Bedeutung des Fremdenverkehrs einschätzt, geht nicht zuletzt aus den Worten des Präsidenten des Bundes deutscher Verkehrsverbände, des Frankfurter Oberbürgermeisters Dr. Walter Kolb, hervor, der die Einrichtung eines Hochschulinstitutes für Fremdenverkehr forderte.

Eine Reise an den Mittelrhein, in eine „klassische“ Reiselandschaft, beschloß die Bonner Tage. In Oberwesel ging man vor Anker, und es wurde viel Rheinzauber und viel Burgenromantik aufgeboten, die schon den Zeiten unserer Väter und Großväter angehörten. Es ist wahr: Das Rheintal ist und bleibt eine der schönsten, liebens- und rühmenswertesten Landschaftsszenerien. Aber „die Geographie ist eine verschiedene Landschaft“, sagt Onkel Bräsig bei Reuter, „und die Jahrzehnte sind verschiedene Zeiten“, könnte man hinzufügen. Nichts gegen die Oberweseler „Weinhexe“, ein tausend Wochen altes Geschöpf aus Milch und Blut, das dem Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm den vollen Humpen reichte! Nichts gegen den „Bändertanz“! Aber wie verhält es sich mit einer solchen Stadt- und Burgenbeleuchtung – ein Wunder der Pyrotechnik übrigens –, wie sie in Oberwesel geboten wurde? Es war sicher eine gutgemeinte Attraktion; aber es war eine „bombige“ Erinnerung, und niemand überhörte auf dem Schiffsdeck, als die roten Brände verloschen und der Rauch verzog, das Wort: „Gleich kommt Entwarnung!“ Ruinen – schön! Aber bedenke man auch die anderen Ruinen, deren es an diesem schönen Strome nicht eben wenige gibt Man sollte sich einmal Gedanken darüber machen.

Auch in diesem Jahre werden viele Ausländer zu uns kommen. Nicht nur Oberammergau lockt. Was Colonel Theodore J. Pozzy, der Leiter der Abteilung für Fremdenverkehrsförderung beim ECA, Paris, in Bonn sagte, verdient Erwähnung: Die Zunahme des amerikanischen Reiseverkehrs, der Deutschland Dollar einbringe, sei eine der erfreulichsten Erscheinungen der Reisesaison 1949. Die Zahl der USA-Reisetouristen stieg in Deutschland von 48 520 im Jahre 1948 auf 101 400 im Jahre 1949. Deutschland dürfe im laufenden Jahr die Vorkriegsbesucherzahl der Amerikaner nahezu erreichen. Es sei wahrscheinlich, daß 1951 in Westdeutschland die amerikanischen Besucherzahlen die besonders erfolgreichen Vorkriegsjahre 1929 und 1939 überschritten. Vor dem Krieg stand Deutschland hinsichtlich des Amerikaner-Besuchs an vierter oder fünfter Stelle unter den europäischen Reiseländern. Mit 130 000 verfügbaren Touristenbetten nehme Deutschland den fünften Platz in den ERP-Staaten ein. Die beschleunigt zu erreichenden Ziele des ECA-Fremdenverkehrsprogramms seien für Deutschland: verbesserte Beförderungs- und Unterbringungsmöglichkeiten, Erleichterung über die Einreisegenehmigung (Entry Permit)). Hinsichtlich der Grenzformalitäten seien bereits fortgesetzt Verbesserungen erzielt worden. 1949 wurden für Westdeutschland eine Million Einreisesichtvermerke ausgestellt, davon 101 000 für Amerikaner. Dies entspreche gegenüber 1948 einer Zunahme von 100 v. H. Bis vor kurzem galt das Entry Permit für 60 Tage und im allgemeinen nur für eine Einreise. Nach den neuen Bestimmungen gelten Entry Permits vier Monate und können verlängert werden. Das State Department in Washington habe kürzlich mitgeteilt, daß nunmehr 140 Büros in der ganzen Welt ermächtigt sind, Entry Permits nach Deutschland auszustellen. Die Ausstellung werde künftig nicht mehr als 48 Stunden in Anspruch nehmen. Da fünf Millionen Amerikaner der ersten und zweiten Generation Deutschland als Abstammungsland angeben, sei, so sagte Mr. Pozzy in seiner Rede, eine deutsche Werbung in den Staaten besonders erfolgversprechend.

In Oberwesel nahmen einige Amerikaner an den Festlichkeiten teil. Als sie den vollen Mond über der Schönburg sahen, taten sie den Entzückensruf: „Wonderful!“ Und der Chronist tanzte auf dem illuminierten abendlichen Marktplatz mit der historischen „Weinhexe“ Lili einen munteren Samba, obwohl er in diesen Sachen ein vollendeter Stümper ist.

Walter Henkels