In dem amtlichen Anzeiger der iranischen Regierung in Teheran wurde vor einiger Zeit eine Liste mit den Namen von 7971 Personen veröffentlicht, die in den letzten drei Jahren keine Steuern bezahlt haben und deren gegenwärtiger Wohnsitz unbekannt ist. Die Teheraner Zeitung Tlou hat diese Liste einer Prüfung unterzogen und festgestellt, daß in ihr eine große Anzahl von prominenten Persönlichkeiten aufgeführt sind, die jedermann im Lande kennt. „Es wäre nichts anderes – so schreibt Tlou –, „als wenn die amerikanische Einkommensteuerbehörde mitteilen würde, ihr sei der Wohnsitz von Mr. Acheson oder Mr. Marshall unbekannt, oder wenn in England Mr. Churchill in einer Liste als eine Person von unbestimmter Identität mit unbekanntem Wohnsitz aufgeführt würde.“ Die Zeitung schließt ihren Kommentar mit dem Satz: „Welche Dekadenz und was für eine Korruption wird, zwischen den Zeilen dieses amtlichen Anzeigers ersichtlich!“

Wenn weiterhin aus statistischen Unterlagen zu ersehen ist, daß Grundbesitz- und Einkommensteuer zusamen nur den zehnten Teil der Staatseinnahmen ausmachen, so liegt die Notwendigkeit einer gründlichen Steuerreform auf der Hand. Eine solche Reform stößt aber im iranischen Parlament deshalb auf starken Widerstand, weil viele Abgeordnete entweder Mitglieder der wenigen reichen Familien des Landes sind oder von ihnen finanziell abhängen.

Zu der besitzenden Klasse gehören in erster Linie die Großgrundbesitzer in der Kornkammer des Landes, der Provinz Aserbeidschan im Nordwesten des Reiches, die an die Sowjetunion, die Türkei und den Irak grenzt. Das anbaufähige Land befindet sich zum größten Teil in ihren Händen. Die Gutsherren haben es jedoch fast ausnahmslos vorgezogen, in Teheran zu leben, wo sie als Abgeordnete oder Senatoren oder in anderen hohen Stellungen des öffentlichen Lebens eine Rolle in dem regen gesellschaftlichen Leben der Hauptstadt spielen. Die Bewirtschaftung ihrer Güter übertrugen sie Verwaltern, die zusammen mit den örtlichen Behörden die Landbevölkerung aussaugen und terrorisieren. Der Schah, der diese Zustände stets scharf kritisierte, veranlaßte schließlich, daß die Regierung eineUntersuchungskommission in die Provinz entsandte, die von dem früheren Außenminister Ali Hekmat, einem besonderen Vertrauten des Schah, geführt wurde. Die Ausführungen, die der Minister kürzlich nach der Rückkehr von einer dreiwöchigen Inspektion auf einer Pressekonferenz in Teheran machte, waren erschütternd. Ali Hekmat sah sich genötigt, nicht weniger als 60 hohe Beamte sofort vom Dienst zu suspendieren und gegen sie Anzeige wegen Korruption und Grausamkeiten zu. erstatten. Unter ihnen befinden sich fünf Gouverneure, fünf Bezirkspräfekten, vier Bürgermeister, sechs Polizeichefs, die Leiter von mehreren Gesundheits-, Finanz- und Ernährungsämtern, Richter und Offiziere.

Diese Zustände, für die eine träge besitzende Oberschicht und eine korrupte Beamtenschaft verantwortlich sind, wirken sich auch auf außenpolitischem Gebiet aus. Die schweren sozialen und wirtschaftlichen Mißstände wurden von den Aserbeidschaner Separatisten zum Gegenstand einer wirksamen Propaganda gegen die Teheraner Regierung gemacht. Die Neigung zu separatistischen Bestrebungen, die den Anschluß des persischen Aserbeidschan an die Sowjetrepublik Aserbeidschan bezwecken, ist seit 1946 in der Bevölkerung nie ähnlich stark gewesen.

Während also der Sowjetunion die Zustände in der Provinz Aserbeidschan nur willkommen sind, haben sie im Westen und insbesondere in den Vereinigten Staaten Enttäuschung und Beunruhigung hervorgerufen. In Washington ist man geneigt, in den Vorgängen in Aserbeidschan einen erneuten Beweis dafür zu erblicken, daß diejenigen Beobachter Recht haben, die behaupten, daß die Verhältnisse im Iran denen im China der Kuomintang ähnlich seien. Aus diesem Grunde haben die USA dem durch seine strategische Lage und.seine gewaltigen Ölvorkommen so wichtigen Iran seit Kriegsende nur einen Kredit von 26 Millionen Dollar zum Ankauf von Waffen gegeben. Und darum mußte auch der Schah nach der Rückkehr von seinem Staatsbesuch in Washington in seiner Botschaft an das Parlament die von den Abgeordneten sehnlichst erwartete Ankündigung einer finanziellen Hilfe Amerikas durch eine sehr ernste Aufforderung zum Kampf gegen die Korruption ersetzen, „durch den allein das Land aus drohenden Gefahren gerettet werden könne“. E. K.