Wie seltsam Deutschland in den Augen vieler Franzosen aussieht

In der vorigen Ausgabe („Die Zeit“, Nr. 18, Seite 2) haben wir zwei Engländer zu Wort kommen lassen, deren Urteil über Deutschland die Meinung vieler englischer Politiker und Journalisten widerspiegelt. Mit welchen Widerständen auch in Frankreich Versuche des Ausgleichs alter Gegensätze zu rechnen haben, zeigt der folgende Bericht über eine Schrift des maßgeblichen französischen Publizisten André Siegfried. –

Ein ständiger Nachteil bei dem Studium der Volksseele und ähnlichen Studien, bemerkt Chesterton in seinem Aufsatz über „Die Wissenschaft und die Wilden“, ist der Umstand, daß der Mann der Wissenschaft selten ein Mann ist, der die Welt kennt. Derselbe Mangel an Sympathie, Intuition und Spürsinn, der den Gelehrten besonders befähigt, den Magen einer Spinne zu erforschen, wird ihn ausgesprochen hilflos machen, wenn es gilt, des Menschen Herz zu ergründen.

Diese Sätze kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man in dem kürzlich in Paris erschienenen Buch von André Siegfried, „Die Seele der Völker“ (L‘âme des peuples) das dreißig Seiten lange Kapitel über die Deutschen nachliest. André Siegfried ist ein Soziologe und Völkerpsychologe, der auch in der angelsächsischen Welt in hohem Ansehen steht. Er ist seit geraumer Zeit Mitglied der Académie Française. Was er schreibt, hat also den Charakter wissenschaftlicher, politischer und moralischer Autorität,

Deutschland, meint André Siegfried, hat geographisch die Schlüsselstellung in Europa – aber kann man sagen, daß es ohne Einschränkung zum Abendland gehört? Es gibt, sagt er, ein deutsches Volk, aber seine Einheit wird nicht durch die Grenzen seines Territoriums bestimmt, wie das bei Frankreich der Fall ist – vielmehr durch sein Bewußtsein oder besser seinen Willen, eine Blutsgemeinschaft zu sein, eine gemeinsame Sprache und Kultur zu besitzen.

Nicht der Main, fährt Siegfried fort, sondern die Elbe ist die große Scheidelinie in Deutschland. Sie scheidet zwei Zivilisationen. Nach dem Rheintal, nach Württemberg und Baden hat die französische Revolution noch einen Luftzug aus Westen gebracht; selbst heute findet sich dort eine Vorstellung vom Wesen der Demokratie, vom Individuum, vom Besitz, die in mehr als einer Hinsicht zur Welt des Westens gehört. Macht man aiber eine Eisenbahnfahrt nach Berlin, so gerät man, behauptet Siegfried, knapp hinter dem Teutoburger Wald („Wo Varus seine Legionen verlor“) oder vielleicht auch auf der Höhe der Porta Westfalica („die das Reich mit zwei Monumentalstatuen Wilhelms I. und Bismarcks eingerahmt hatte“) ohne Übergang „in jene unendliche Gletschermoräne, die sich in einem Zuge bis nach Rußland, ja bis nach Sibirien erstreckt“. An dieser Stelle habe man den Eindruck, in eine neue Zone, „fast möchte man sagen, einen neuen Kontinent“ einzutreten? in das „Asien der Steppen und der Wälder“.

Soweit der Autor. Beklommen fragt sich der deutsche Leser, ob dies vielleicht ein Schreckenspanorama der Zukunft sein soll, eine gespenstische Vision der Versteppung. Gefehlt! Was André Siegfried durch das Fenster seines Eisenbahncoupés vorübergleiten sieht, ist die deutsche Landschaft unserer Tage: „Unendliche, traurigmonotone Ebenen, ein armseliger aschenfarbener Sandboten und ein Überfluß von Tannenwäldern, über denen sich ein unveränderlich kalter und melancholischer Himmel wölbt. Nach dem fruchtbaren, dichtbesiedelten Rheinland kommt hier die Leere, das Schweigen eines Bodens, auf dem der Zivilisation die Vermenschlichung der Natur noch nicht gelungen ist.“