Ein neuer Hindemith

Wien, im Mai

In das Schmunzeln, mit dem man hier dieeuropäische Erstaufführung von Hindemiths neuestem Werk, der 1949 entstandenen dreisätzigen Sonate für Kontrabaß und Klavier, aus den Händen des Philharmonikers Otto Rühm und seines talentierten Sohnes Gerhard entgegennahm, mischte sich doch auch der Respekt vor der meisterhaften technischen Kenntnis, mit welcher der als Soloinstrument offenbar doch nicht ganz zu Recht oft belächelte Kontrabaß aus seiner Orchestereinsamkeit erlöst wird. Da gibt es viele technische Finessen, wie Flageolets, reiche Ornamentik, reizvolle Pizzicati und anderes mehr, aber all das bleibt nicht virtuoser Selbstzweck- oder gleichsam Entschuldigung für das gewagte Unternehmen. Vielmehr werden Streichinstrument und Klavier im Sinne der komplermentären. Ergänzung zu einer meisterlichen Konzeption zusammengeschmolzen, die durchaus künstlerisches Eigenleben besitzt. Interessant, wie das zweifellos besonders schwierige klangliche Problem gemeistert wird. Jede Komplikation der Entwicklung wird vermieden, das Klavier zu reizvollsten Klangkombinationen aufgerufen, die an sich schmale Gesangslage des Streichinstruments freizuhalten. Um dem etwas begriffsstutzigen Ohr, dem trotz Dittersdorfs Konzerten die rechte Vergleichsmöglichkeit fehlt, die Auffassung zu erleichtern, stellen sich die kurzen, auf einen musikantisch frohen Ton abgestimmten Gedanken, in Variationen aufgereiht, immer wieder vor. Im gewichtigsten Satz, einem Adagio, zwingt diese Technik dem Instrument sogar Bekennermut ab: es ist – man staune! – ein Satz der „Aussage“ geworden, der sich bedeutenden Werken Hindemiths zur Seite stellen läßt. Eine Behauptung, die sogar die gleichzeitig erstmals in Österreich aufgeführte Neufassung des „Marienlebens“ nicht entkräften konnte, dessen einsame Geistigkeit Judith Heldwie und Franz Holetschek vorbildlich erfaßten.