Anfang März 1944 besuchte mich Feldmarschall Rommel in Brüssel, und ich machte ihm am 1. Juni 1944 einen Gegenbesuch im La Roche-Guyon. Er erklärte sich uneingeschränkt zu meiner Auffassung. Es müsse etwas geschehen! Es sei die allerhöchste Zeit! Sein Chef des Generalstabes, General Speidel, war der gleichen Auffassung.

Die von der Partei gegen mich betriebene Hetze ging in verstärkter Form weiter, eine Hetze, an der sich Degrelle und van der Wiele eifrig beteiligten. Am 6. Juni 1944 gegen 10 Uhr abends erhielt ich von dem deutschen Adjutanten des kriegsgefangenen Königs der Belgier, Oberst Kiewitz, die telefonische Nachricht, daß Befehl eingegangen sei, den König am nächsten Tage nach Deutschland zu bringen; der König wünsche mich zu sprechen. Ich fuhr nach Schloß Laeken, und der König übergab mir ein Protestschreiben, das ich sofort an Hitler weiterleitete. Am 7. Juni früh mußte der König – abreisen; beim Überschreiten der Grenze wurde er von der Gestapo übernommen, ohne daß seine Proteste beantwortet wurden... Es war am 14. Juli 1944 und es geschah vor allem auf das Betreiben Sauckels, daß ich telegraphisch meiner Stellung enthoben wurde. Sauckel hatte den geschlossenen Arbeitseinsatz des Jahrganges 1925 der mir unterstellten Gebiete verlangt; ich hatte abgelehnt, und diese Ablehnung hatte wohl den Ausschlag gegeben. Am 18. Juli übergab ich mein Amt an den Reichskommissar Grohé und an den Wehrmachtsbefehlshaber Grase. Am 20. Juli war ich mittags nach Seneffe (40 Kilometer südlich von Brüssel) gefahren, wo ich das Wochenende gewöhnlich in einem Landhause zu verbringen pflegte. Dort trafen gegen Abend einige Angehörige meines bisherigen Stabes ein und teilten mir mit, daß ein erfolgloses Attentat auf Hitler gemacht worden sei. Näheres war ihnen nicht bekannt. Noch während wir darüber sprachen, wurde ich an das Telefon gerufen; der Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Fromm, wolle mich sprechen. Eine Stimme, die ich bei der schlechten Verständigung nicht erkennen konnte, sagte: „Der Führer ist tot; alle anderen Nachrichten sind falsch.“ Ich erwiderte, daß ich gerade das Gegenteil gehört habe, und fragte, ob der Oberbefehlshaber West Bescheid wüßte. Antwort: „Ich habe gerade mit Feldmarschall v. Kluge gesprochen. Haben Sie noch eine Frage?“ Dann wurde abgehängt.

Ich nahm an, daß man mich versehentlich angerufen hätte, da ich doch seit zwei Tagen nicht mehr Militärbefehlshaber war. Ich orientierte sofort telefonisch, den Chef des Stabes in Brüssel und rief Feldmarschall v. Kluge an, der mir mitteilte, daß die Nachricht vom Tode Hitlers nicht stimme. In der Nacht hörte ich dann die Rundfunkansprache Hitlers. Näheres war auch in den nächsten Tagen nicht zu erfahren, nur daß Beck, Olbricht und Stauffenberg erschossen worden seien.

Am 26. Juli fuhr ich verabredungsgemäß nach La Roche-Guyon zu Feldmarschall v. Kluge, der mir sagte, daß er zusammen mit dem Feldmarschall Rommel im Begriff gewesen sei, Hitler eine Denkschrift einzureichen, die die Unmöglichkeit der Fortführung des Krieges in der bisherigen Form nachwiese. Wir könnten nicht auf zwei Fronten kämpfen; eine Front müsse liquidiert werden! Wir könnten keinesfalls zulassen, daß Deutschland von der Roten Armee überschwemmt würde; wir brauchten einen Damm im Osten und müßten im Westen zum Abschluß kommen. Wenn Hitler das nicht zustande bringen könne, so müsse er abtreten. Die Absendung dieser Denkschrift sei durch die Verwundung des Feldmarschalls Rommel verzögert worden und nunmehr, nach dem 20. Juli, könne er sie nicht mehr abschicken. Ich drang in ihn, die Denkschrift, der ich absolut zustimmte, doch schleunigst abzuschicken und selbständig zu handeln. Meiner Ansicht nach – so sagte ich – wäre es überhaupt schon viel zu spät, aber es käme jetzt doch darauf an, zu retten, was noch zu retten sei.

Am 27. Juli reiste ich nach Brüssel zurück, am 29. mittags fuhr ich nach Seneffe, am Nachmittag erschien hier der Chef der Gruppe Polizei, Brüssel, und teilte mir mit, er habe ein Telegramm von Kaltenbrunner erhalten, der mich bäte, baldmöglichst nach Berlin zu kommen. Auf meine Frage, worum es sich handle, gab er an, es nicht zu wissen; es handle sich wohl um die Vorgänge des 20. Juli. Ich fuhr am Nachmittag in Begleitung eines Gestapoführers im Kraftwagen nach Berlin ab und war verabredungsgemäß am 30. Juli, 10 Uhr, im Reichssicherheitshauptamt. Dort wurde mir von einem höheren Gestapobeamten eröffnet, daß Kaltenbrunner wohl nicht kommen würde, da Sonntag sei. Ich möchte bis Montag warten; in Berlin gäbe es freilich keine Unterkunft in Hotels mehr, aber sie hätten ein Ausweichquartier nördlich Berlins, und ich käme dort am besten unter. Ich fuhr dorthin ab und landete in der – SS-Polizeikaserne Droegen, 80 Kilometer nördlich Berlins, wurde hier in ein Zimmergeführt mit einem Posten vor der Tür und war Gefangener. Ich blieb Gefangener. Trotz wiederholter Vorstellungen wurde ich nicht vernommen. Mit mir zusammen befand sich eine wachsende Zahl anderer Gefangener, darunter der Admiral Canaris, General Speidel, der zuletzt Chef bei Rommel gewesen war, der frühere Reichswehrminister Noske und der frühere Ordonnanzoffizier des Feldmarschalls v. Kluge, der mir erzählte, daß der Feldmarschall sich das Leben genommen hatte. Mitte September wurde mir die Hinrichtung von Witzleben bekannt.

Am 28. September wurde ich plötzlich von Droegen abtransportiert. Ich mußte einen geschlossenen Gefangenentransportwagen besteigen, der bereits voll besetzt war. Ich erfuhr, daß er von einem Konzentrationslager Ravensbrück kam, und erkannte einige der Insassen; so den früheren Minister Hergt und Rechtsanwalt Langbehn. Wir wurden in das Gefängnis Tegel eingeliefert und wie Verbrecher dort aufgenommen, in Einzelhaft gesperrt und Tag und Nacht gefesselt. Auf meinen Protest wurde mir erklärt, dies wäre eine besondere Anordnung des Oberreichsanwalts. Bei den täglichen Gängen im Hof konnte ich feststellen, daß etwa 140 Mitgefangene da waren, Offiziere und Beamte aller Grade, angesehene Leute aus Stadt und Land, Arbeiter und frühere Minister, Alte und Junge; alles Leute, die ihrer Sorge um das Vaterland und ihrer Ablehnung des Regimes Ausdruck gegeben hatten: es waren ja weite Kreise dies Volkes, die den Sturz des Regimes erhofften. Welcher Unterschied zu denen, mit denen ich zwei Jahre später im Nürnberger Gefängnishof zu gehen gezwungen worden bin!

Am 6. Oktober erfolgte um Mittag ein Luftangriff auf Berlin, der besonders Tegel traf. Mehrere Bomben trafen das Gefängnis; es gab Tote und Verwundete, und auch meine Zelle wurde stark beschädigt, doch blieb ich unverletzt. Am 7. Oktober abends wurde ich mit einer Anzahl anderer Gefangener nach dem Gefängnis Moabit übergeführt, das ganz in der Verwaltung der Gestapo stand und wo als Wärter 17- bis 19jährige „Volksdeutsche“ tätig waren, die kaum die deutsche Sprache beherrschten, dieses Manko aber durch brutales Auftreten ersetzten. Am Nachmittag des 24. Oktober wurde ich plötzlich abtransportiert. In einem Personenwagen fuhr man mich zum Reichssicherheitshauptamt. Hier erklärte mir ein höherer Gestapobeamter: „Sie sollten eigentlich verhört werden, aber es sind jetzt so wirre Zeiten! Sie gehen am besten wieder nach Droegen zurück.“ In der Nacht traf ich wieder in Droegen ein. Und am4. und 5. Dezember wurde ich endlich vernommen.