DIE ZEIT

Da die angekündigten, warmen Luftmassen aus dem Osten gegen die ozeanische Luftströmung nicht die Überhand gewannen, blieb es bei dem Maienwetter, das der Landmann mehr schätzt als der Städter („leise träufelt seinen Segen / jetzt ein linder Maienregen“). Oder ohne poetische Umschreibung gesagt! es war das übliche Hamburger Bild, mit tiefhängenden Wolken und leichtem Sprühregen. Wenn so auch der Ausblick über Stadt und Hafen verschleiert war, darf man doch wohl hoffen, daß die Gäste des Übersee-Clubs in Hamburg dies und jenes Bemerkenswerte gesehen haben – Altes und Neues, das wiedererstanden ist. Im übrigen darf man annehmen, daß sie von dem, was es zu hören gab und was sonst noch geboten wurde (so etwa für die Mitglieder des Außenhandelsbeirats eine wichtige Arbeitstagung), einigermaßen befriedigt gewesen sind.

Wie der für das Hamburger Klima ungewöhnlich lebhafte, spontan-herzliche Beifall der Gäste und Clubmitglieder zu den Ausführungen des Hohen Kommissars Francois-Poncet zeigte, wurde seine Rede, sicherlich zu recht, als der Höhepunkt des Tages empfunden. Diese Feststellung ist freilich dahin zu ergänzen, daß auch den drei übrigen Ansprachen der großen Mittagsveranstaltung von der auserwählten Hörerschaft jenes Maß an Interesse und Beachtung gewährt wurde, auf das sie wohl Anspruch erheben konnten: so, als Bürgermeister Brauer mit großem Ernst die Aufgaben Hamburgs im künftig geeinten Europa umriß, als sein Amtsvorgänger Rudolf H. Petersen, als Präsident des Clubs, über die Zauberwirkung sprach, die für uns immer noch in dem Wort „Übersee“ liegt, und schließlich, als der Vizekanzler und ERP-Minister Blücher sich für die Befreiung des Schiffbaus von einschränkenden. Bestimmungen und für die Niederlassungsfreiheit im Außenhandel einsetzte.

Fragt man sich nun nachträglich (mit der bekannten Formel: „was hat er uns eigentlich gesagt?“), worin der neue Beitrag zum Thema der politisch-wirtschaftlichen Einheit Europas bestand, den Exzellenz François-Poncet hier konkret geleistet hat, so wird deutlich, daß die Wirkung dieser Rede, mit der er sein Publikum enchantierte, vorwiegend auf dem Esprit, dem Witz, dem Charme des Vortragenden beruhte. In der Sache aber sind wir nicht recht vorangekommen; im Gegenteil: wir waren schon einmal weiter, damals etwa, als François-Poncet in Koblenz über die Möglichkeiten einer deutschfranzösischen Kooperation auf wirtschaftlichem Gebiete sprach. Da wurde die wirtschaftliche Annäherung der beiden Länder aufs wärmste begrüßt; es wurden auch schon konkrete Vorschläge für eine Gemeinschaftsarbeit gemacht: vom Stahl war die Rede, von Typen und Märkten. Diesmal aber hieß es: Die Idee einer deutsch-französischen Wirtschaftsunion sei zwar „verführerisch“, aber man müsse doch an die Schwierigkeiten ihrer Realisierung, auch infolge gewisser Konkurrenzfolgen, denken; außerdem sei der Rahmen nicht zureichend weit gespannt: Ganz Westeuropa müsse sich zusammenfinden, dabei „nicht zuletzt“ Großbritannien. Man wende sich über die „Erzeugung und Verteilung der großen Grundstoffe“ unterhalten müssen; Kohle, Stahl, Kraftstrom – auch Chemikalien; vordringlich sei die freie Austauschbarkeit der Währungen. Schließlich müsse die Europa-Union Ihre „Verlängerung“ jenseits der Meere finden; in der Entwicklung überseeischer Gebiete (nach Punkt 4 des Truman-Plans also), aber auch so, daß die europäische Union Glied der geplanten Atlantik-Union werde. Das Ziel sei ein deutschfranzösisches Einvernehmen „im Schoße der Europa-Union“, sei aber auch die Errichtung einer neuen, die Weltmeere überspannenden Hanse... Wobei freilich die Frage offenbleibt, ob und wie die (ja nicht nur politisch oder psychologisch bedingten, sondern auch auf sehr realen Tatsachen fußenden) Bedenken Englands gegen den Beitritt zu einer „Europa-Union der Währungen“ zu überwinden sein werden, und, was dann noch geschehen könnte, wenn diese Widerstände gegen die Schaffung eines europäischen Währungsblocks sich zunächst nicht beheben lassen.

Die Ansprache des Hohen Kommissars war gewiß eine rhetorische und ebenso eine diplomatische Meisterleistung. Sie brachte glänzende und einprägsame Formulierungen; sie schuf, erfüllt von menschlicher Wärme, das, was man „Atmosphäre“ nennt: ein günstiges Klima des guten Willens, in dem Vertrauen gedeiht, in dem sich aufrichtige, vielleicht sogar herzliche Beziehungen herstellen lassen werden. Das ist also eine Chance für die Zukunft; von Geduld war ja ausdrücklich die Rede, von Zeit und Wärme; um das Heranwachsende „ausreifen zu lassen“. Vielleicht aber ist dies allzu diplomatisch gedacht, vielleicht bedurfte es einer größeren staatsmännischen Kraft, die jene erhoffte Entwicklung nicht nur abwarten, sie vielmehr vorantreiben will... E.T.