Wer als deutscher Soldat in Rußland gewesen ist, wer die russischen Winter kennt, wo man zwei Schritte neben der Rollbahn im Schnee versinkt, wer die Wälder kennt, die Sümpfe, die Partisanen und die ganze Verlorenheit des westeuropäischen Eindringlings in diesem Land, der wird sich über ein Buch, das ein ehemaliger deutscher Offizier unter dem Pseudonym Croixelles schrieb und das er „Das Antlitz ohne Gnade“ nennt (im Franz Schneekluth Verlag, Celle), zum mindesten wundern. Diesen Roman aus dem russischen Feldzug, dessen Hauptpersonen deutsche Offiziere und junge russische Frauen sind, preist der Verlag als eine Dichtung an, „welche die klassische Linie fortsetzt, die von Tolstoj eingeschlagen wurde“. Aber dieses Buch vermittelt wohl die Atmosphäre eines durch lange Feldzüge etwas leger gewordenen Offizierskasinotons, nicht die erschütternde Schwere des russischen Krieges für Deutsche und Russen. Die Probleme Nationalsozialismus und Bolschewismus, Europa und Asien, Eindringling und Widerstandskämpfer sind zwar angeschnitten, verlaufen sich aber im Konventionell – Banalen, bisweilen mit etwas Pikanterie gemischt. Denn die russischen Mädchen, die mit den deutschen Offizieren in nähere Berührung kommen, sind alle unglaublich schön, unglaublich rätselhaft, unglaublich russisch – gesehen aus der Perspektive eines preußischen Hauptmanns. Und einige von ihnen sind Spioninnen, die für das Vaterland Leib und Leben riskieren, bis – ja bis sie die deutschen Offiziere wirklich kennenlernen und einsehen, daß auch sie Menschen und Männer dazu sind. Und hier wird die Simplifizierung, die der Verfasser den Geschehnissen angedeihen läßt, unerträglich. Über die Fehler, die die deutsche Besatzung in Rußland gemacht hat, ist schon oft genug diskutiert worden; sicher wäre es nicht nur humaner, sondern für die deutsche Kriegführung auch günstiger gewesen, hätte sie die russische Zivilbevölkerung besser behandelt. Aber so einfach wie bei Croixelles ist die Sache denn doch nicht. Denn die deutsche Armee bestand nicht nur aus gut aussehenden Offizieren und die russische Zivilbevölkerung nicht nur aus schönen Frauen. Mit dem Krieg in Rußland haben beide nur sehr wenig zu tun. Er wurde geführt von hungernden und verdreckten Soldaten, von glühenden Kommunisten und bis aufs Blut gepeinigten russischen Frauen und Kindern. Was von diesem Kampf in dem Buch zu lesen ist, ist herzlich wenig. Hier plaudert der Westeuropäer, der trotz vier Jahren Rußland nichts von Rußland begriffen hat. Paul Hühnerfeld