General von Falkenhausen, der seinem Prozeß vor dem Belgischen Tribunal am 22. Mai entgegensieht, ist seit dem Juli 1944, da die Gestapo ihn festsetzte, aus der Haft nicht herausgekommen bis auf den heutigen Tag. Und dies geschah – ein erschreckendes Merkmal unserer Gegenwart! – einem Manne, der in allen Wirren der Zeit aufrecht stand, der immer für Recht und Freiheit sich bemühte und dem stets überzeugende Stimmen, nicht zuletzt auch belgische Zeugnisse, bestätigt haben, daß er in seinen Handlungen unantastbar war. Die „Zeit“ war in der Lage, Falkenhausens Aufzeichnungen aus der Haft zu veröffentlichen. Wir wollen diese Veröffentlichungen, die mit der Schilderung der amerikanischen Haft und einem Bekenntnis des Generals von Falkenhausen zur Vernunft und zum Frieden enden, heute nicht ohne einen Hinweis abschließen: Möge Falkenhausen, den man den „letzten Ritter“ nannte, endlich gerechte Richter finden!

Der überraschend schnelle Verlauf des Westfeldzuges machte es zunächst unmöglich, gegen das herrschende Regime der Nazis etwas zu unternehmen. Dennoch war ich stets bemüht, hohe militärische Führer über die wahre Lage aufzuklären. Wie oft habe ich auf die Worte Julians Apostata hingewiesen: „Das Unvermögen, unterscheiden zu können zwischen dem Möglichen und Unmöglichen, ist die gefährlichste Form des Wahnsinns.“

So zog sich die Zeit bis Ende 1942 hin, ohne daß etwas geschah. Dann traten Ereignisse ein, die zum Entschluß zwingen mußten: der Mißerfolg in Afrika und vor allem von Stalingrad. Doch es geschah nichts.

Der Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 und der vorauszusehende Zusammenbruch des faschistischen Regimes war auch für mich von Bedeutung. Befanden sich doch in Belgien und Nordfrankreich etwa 30 000 italienische Staatsangehörige! Ich hatte daher mit der italienischen diplomatischen Vertretung stets enge persönliche Beziehungen gepflegt und darauf gehalten, daß die faschistische Betätigung jedenfalls nach außen nicht in Erscheinung trat, sondern sich auf die soziale Fürsorge beschränkte. Im Frühsommer 1943 hatte der italienische Gesandte gemeinsam mit dem Führer des Faszio beantragt, auf Anweisung von Rom einen Italiener namens Contigli unter polizeilicher Bewachung nach Paris überzuführen und ihn der dortigen Botschaft zu übergeben. Contigli war Führer des Faszio in Brüssel gewesen, stand in engsten Beziehungen zu dem dortigen Landesführer der NSDAP., und im Solde der Gestapo und des SD. Sein Ruf war sehr zweifelhaft, vor allem auch wegen dunkler Geschäfte. Die Überführung erfolgte ohne jedes Aufsehen durch einen Feldgendarmen. Am Nachmittag wurde ich von General Reinicke, Amtschef im OKW., angerufen: Man habe den Führer des Faszio in Belgien verhaftet und nach Paris gebracht; er habe sofort seine Freilassung veranlaßt, Contigli käme nach Brüssel zurück. Als ich Reinicke über den Sachverhalt aufklärte und ihm sagte, ich wurde Contigli in Belgien wieder festnehmen lassen, fand, er sich damit ab. Wie ich feststellte, hat Contigli daraufhin in Berlin als Gast der Gestapo gelebt, unter deren Schutz er später ohne mein Wissen nach Belgien zurückkehrte.

Nach der Befreiung Mussolinis im September 1943 war mir klar, daß er keine Macht mehr hinter sich hatte. Ich veranlaßte daher die italienischen Dienststellen in Brüssel, sich neutral zu verhalten und sich wie bisher auf soziale Fürsorge zu beschränken. Eine kleine Gruppe italienischer Aktivisten suchte jedoch Unruhe zu stiften; sie bestand aus Freunden Contiglis und Ende des Jahres meldete sich Contigli selbst bei mir als neuer Führer des Faszio in Belgien an. Ich lehnte den Empfang ab. Vertreter der italienischen Kolonie erschienen bei mir, die im Namen der Kolonie gegen die Ernennung Contiglis protestierten. Ich gab den Protest weiter, und Contigli ist nicht wieder öffentlich in Erscheinung getreten, blieb aber weiterhin ein bezahltes Organ des SD und hat dauernd versucht, Unruhe zu stiften und mich zu verleumden. Contigli war auch der Urheber eines Zwischenfalles Anfang August 1943: Eine Anzahl Italiener drangen bewaffnet in das italienische Botschaftsgebäude ein, bedrohten den Gesandten und seine Angehörigen und Angestellten und suchten sich der Archive zu bemächtigen. Ich entsandte auf Hilferuf des Gesandten sofort Feldgendarme zum Schutze, die die Eindringlinge festnahmen. Da-