Hamburger Sparkassentag sollte die Aufwertungsproblematik behandeln

In diesen Tagen treffen sich die Sparkassen-Leute des Bundesgebietes in Hamburg zu einer repräsentativen Tagung – auf historischem Boden sozusagen, denn hier wurde (1778) von der „Patriotischen Gesellschaft“ die erste deutsche Sparkasse unter dem Zeichen des Bienenkorbs gegründet. Mit unserem Gruß an die Teilnehmer der Tagung verbinden wir eine Bitte: um Klarstellung eines Sachverhaltes nämlich. Es handelt sich da um folgendes:

Immer wieder wird behauptet, daß die Währungsreform den Verlust des Geldkapitals verschuldet habe. Dabei denken die einen in erster Linie an das Herunterschreiben des Sparkapitals, die anderen vorzugsweise an die entsprechende Reduktion des (in Geldform vorhandenen) Betriebsvermögens. Entsprechend laufen dann die Forderungen dahin, daß für den Sparer (speziell den sogenannten Altsparer) nachträglich eine günstigere Umstellungsquote gegeben werden solle – oder, daß man den Unternehmungen zu höheren finanziellen Reserven verhelfen müsse. Dafür wird dann eine Erhöhung der Quote („Schattenquote“) vorgeschlagen.

Im „Memorandum der Bundesregierung an die Alliierte Hohe Kommission“, das am 4. März veröffentlicht worden ist, findet sich die völlig irrige Darstellung, daß „der Verlust des Geldkapitals durch die Währungsreform für die (strukturelle) Erwerbslosigkeit mit verantwortlich sei. Für diese von Dr. Reiser (Bundeswirtschaftsministerium) stammende Formulierung, die auch schon im Nachtrags-Memorandum an die OEEC enthalten war („fast völlige Vernichtung aller Geldvermögen durch die Währungsreform“, hieß es da), hat also Minister Blücher, als ERP-Minister, aufzukommen. Daß sein Kollege Erhard mitunter in gleiche Formulierungen abrutscht, zeigt seine Bonner Rede anläßlich der Kundgebung zur Exportförderung

Was unseren Ministern recht ist, muß natürlich allen übrigen Staatsbürgern, und speziell den „Währungsgeschädigten“ unter ihnen, billig sein. So hören und lesen wir also allenthalben nicht nur die Klage über das Verlorene, sondern auch die Forderung, den Verlust – ganz, oder so gut es geht – rückgängig zu machen. Ein falsch formulierter Begriff führt derart zu einer falschen Einschätzung der Möglichkeiten. Überlegt man sich die Dinge recht, so kann gar keine Rede davon sein, daß durch die Währungsreform ein größerer oder geringerer Teil des vorhandenen Geldkapitals „vernichtet“ worden sei. Die Geldreform hat vielmehr nur die Konsequenzen aus der bereits vorher eingetretenen Inflation gezogen, die durch das System des Preis- und Lohnstopps nur mühsam (und jelänger, um so weniger) zu verdecken war. Selbstverständlich kann man sich immer über die Höhe einer angemessenen Quote streiten; vor allem ist es berechtigt, die nachträgliche Wiedergutmachung des Unrechts zu verlangen, das darin besteht, daß eine Reihe von RM-Forderungen nur zu 6,5 v. H. anstatt, wie feierlich verkündet, zu 10 v. H. in DM umgewertet worden sind. Auch die Anrechnung der Kopfquote auf vorhandene (Spar-) Guthaben ist ein solches (wenn auch durch den Rat deutscher Politiker verschuldetes) Unrecht, das wiedergutgemacht werden sollte. Worüber man sich aber nicht streiten sollte, das ist, daß die Inflation, die zu einer völligen Funktionsunfähigkeit der RM-Währung geführt hat, durch Hitler und seine Paladine verschuldet und durch die Maßnahmen der Besatzungsmächte zwischen Mai 1945 und Juni 1948 zum mindesten nicht gebessert worden ist – daß also die Reform einen bereits vorhandenen Zustand offenlegte, ihn aber keineswegs erst verursacht hat.

Sollte es nun aber doch Leute geben, die anderer Meinung sind – in dem Sinne also, wie es die oben zitierten Worte aus dem Memorandum und der Erhard-Rede besagen –, dann müßten sie sich endlich auch einmal Rechenschaft über die Konsequenzen geben, die daraus zu ziehen sind. Nämlich erstens: daß dann, wenn man „durch einen Federstrich“ Kapital vernichten kann, doch ja wohl auch der entgegengesetzte Weg gangbar sein muß, nämlich der, durch einen Federstrich Kapital zu schaffen. Und zweitens: daß Kapital dieser Art ja nicht als eine Art von Fettpolster nur in dem Körper eines Unternehmens vorhanden sein kann, sondern daß seine Existenz sich jeweils unter Aktiven und Passiven verbucht findet: daß es also nur in Forderungen an andere bestehen kann, daß jedem Guthaben also eine Schuld in gleicher Höhe entspricht. Eine weitere Konsequenz wäre, daß man, um die sogenannten Opfer des 20. Juni besser zu stellen – die ja (unter einem durchaus dubiosen, Begriff) als „Währungsgeschädigte“ bereits vom Gesetzgeber (und von den Besatzungsmächten) anerkannt sind –, nun zunächst die „Währungsgewinne“ erfassen müßte, die jeder sachwert-besitzende Kreditnehmer am 21. Juni 1948 für sich verbuchen konnte, und zusätzlich noch eine Neuverschuldung des Sachvermögens durchführen müßte, gewissermaßen als Extra-Lastenausgleich nur für die Währungsgeschädigten – was aber, da die Ostvertriebenen und sonstigen Kriegsgeschädigten schon die erstrangige Hypothek beanspruchen, kaum sinnvoll sein dürfte.

So richtig es ist, daß ein Wertzuwachs bei Anlagekapital wie ein echter Kapitalzuwachs in Erscheinung treten kann – das Gegenstück, die Kapitalzerstörung durch Leistungsabfall, Desintegration und Wertminderung, ist uns geläufiger –, so verfehlt ist der Glaube, daß man Geldkapital „schaffen“ könne, ohne daß gleichzeitig der Gegenposten einer Schuld entstünde. Das ist heute wichtig zu wissen, um das rechte Maß zu halten bei allen Forderungen, die sich auf Hergabe mittel- und langfristiger „Mittel“ zum Zwecke des Abbaus der strukturellen Erwerbslosigkeit richten (Arbeitsbeschaffungsprogramm einerseits, Lastenausgleich der Sachgeschädigten anderseits betreffend), ebenso wie bei den Forderungen auf Wiedergutmachung des „Währungsunrechts“. Daß demjenigen, der ohne Mittel und ohne Erwerbsmöglichkeit „dasitzt“, aus sozialen Gründen geholfen werden muß, unter irgendeinem der zur Wahl stehenden Titel, ist unbestritten. Aber ob wir politisch klug gehandelt haben, als wir den Begriff des „Währungsgeschädigten“ gelten ließen und so neben der sozialen Verpflichtung eine moralische, ja rechtliche (der „Wiedergutmachung“) anerkannten, ist mehr als fraglich; denn sachlich, nach vernünftiger Anwendung wirtschaftstheoretischer Überlegungen, läßt sich die Vorstellung, daß Geldkapital durch die Reform „vernichtet“ worden sei, ebensowenig aufrechterhalten, wie etwa die Forderung, es müsse nun diese Fehlentscheibei der jedem wieder sein altes Guthaben zuerkannt werden solle. Daß dies Verlangen nicht gestellt wird, beweist ja, daß es sich „eigentlich“ nur um eine etwas höhere Quote dreht – ohne daß aber klargestellt wird, zu wessen Lasten diese Forderung gehen würde. Zu wessen Lasten also? Erwin Topf